Von Jürgen Schmieder

Was muss ein Raucher tun, wenn er im 20. Stock eines Gebäudes arbeitet, in dem absolutes Rauchverbot herrscht? Ihm bleibt nur der totale Verzicht - oder die Umgestaltung des Arbeitsplatzes.

Wir ziehen um. Im Juli. Aus der Innenstadt in ein schmuckes und absolut funktionales Großgebäude am Stadtrand. Mir wurde eine Parzelle in einem Großraumbüro im 20. Stockwerk zugeteilt. Von dort aus hat man nicht nur einen wunderbaren Überblick über die Streckenführung der Bundesautobahn 94. Bei gutem Wetter kann man bis Neuperlach sehen, bei sehr gutem gar bis zu den Alpen.

Nichtraucher

Auch eine Möglichkeit: Leben im Aschenbecher. (© Foto: iStockphotos)

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Das neue Gebäude ist natürlich ein Nichtraucher-Komplex, Ausnahmen gibt es keine. Raucher - so hieß es in einer Mitteilung - mögen doch bitte vor die Tür gehen.

Das allein ist ja nichts Ungewöhnliches, wird man als Raucher heutzutage in fast jedem Gebäude behandelt wie der Hund vor der Metzgerei.

Nun ergibt sich für die rauchenden Kollegen ein zeitliches Problem - vor allem für eben jene, die im 20. Stockwerk arbeiten oder gar im 22. wie der kettenrauchende Lars. Der hat seine Arbeitsweise schon derart effektiv gestaltet, dass er zum Rauchen stets Texte mitnimmt, um sie durchzulesen. Es sind keine Raucherpausen, die er abhält, sondern es handelt sich quasi um eine Arbeitszigarette. Die Rauchbotschaften vermitteln den Kollegen: Lars liest konzentriert einen Text, jetzt nicht stören.

Lars wird im neuen Gebäude das Problem bekommen, dass er nicht wie bisher kurz 20 Meter von seinem Schreibtisch hinaus in den Flur gehen kann, um sich eine Zigarette anzuzünden. Er muss vorbei an sogenannten Multifunktionsflächen, an Trennwänden und Arbeitswaben, um zum Aufzug zu gelangen. Dann fährt er 22 Stockwerke nach unten, muss durch die - bei gutem Wetter, bei dem man bis nach Neuperlach sehen kann - sonnendurchflutete Eingangshalle hinaus vor die Tür. Erst dann darf er rauchen.

Ich kenne die Geschwindigkeit der Aufzüge noch nicht, aber es ist wohl anzunehmen, dass eine Zigarettenpause ungefähr 20 Minuten dauern wird. Das bedeutet, dass Kettenraucher Lars - so er seine Gewohnheiten beibehält - den Marsch zur zweiten Zigarette beginnen kann, wenn er von der ersten zurückkommt. An Arbeiten ist da nicht zu denken. Zumindest nicht am Arbeitsplatz.

Da wir jedoch in ein ultramodernes Gebäude ziehen, das neben dem mehrfach erwähnten Ausblick auf die A 94 und Neuperlach auch technisch auf dem neuesten Stand ist, sollte es doch möglich sein, diesen Menschen zu helfen. Man könnte einen Laptop in den Aufzug einbauen, an dem sich der Kettenraucher einloggt und dann auf dem Weg nach unten weiterarbeiten kann.

Obwohl: Wenn das möglich ist, könnte man noch weiterdenken. Man könnte jedem Mitarbeier einen elektrischen Rollstuhl geben, der sie vom Arbeitsplatz zum Aufzug fährt. In den Stuhl ist ein Rechner integriert, an dem Texte geschrieben werden. Vor dem Haus sind in der Raucherecke sogenannte Working Stations aufgebaut, an denen auch während der Raucherpause gearbeitet werden kann.

Man könnte aber auch den Mitarbeitern den Computer einfach um den Hals hängen. Sie können dann immer arbeiten - auf dem Weg zu Kollegen, beim Gang in die Kantine und sogar die Toilettenpause könnte sinnvoll genutzt werden. An diesem Bauchladen wären links ein Kaffeebecherhalter und rechts ein Aschenbecher angebracht. Effizienter kann man den Arbeitsplatz nicht gestalten - und platzsparend ist es auch noch. Wer braucht schon einen Schreibtisch im Großraumbüro?

Akten würde man ja im Rucksack herumtragen, auf dem Kopf ein Headset. Posteingang ist die linke Hosentasche, der Ausgang befindet sich in der rechten. Röcke sind ab sofort natürlich verboten - oder man bekommt keine Post mehr. Für private Sachen wie Fotos von der Frau gibt es am portablen Arbeitsplatz eine Fläche von 30 Quadratzentimetern - direkt neben dem Kaffeebecherhalter.

Lars hält nicht viel von diesem neumodischen Schnickschnack. Er hat wie handgezählte 80 Prozent der Mitarbeiter angekündigt, nach dem Umzug in das neue Haus mit dem Rauchen aufzuhören. Auf diese Weise kann er nicht nur den ganzen Tag arbeiten. Er kann seine Pause dazu nutzen, die Autos auf der A 94 zu zählen.

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(sueddeutsche.de/mmk)