Von Hanno Charisius

Hoffnung für AIDS-Kranke: Ein neues Medikament hat erste Tests erfolgreich bestanden. Doch bestehende Arzneien wird es nicht ersetzen können.

Ein neues Medikament, das einen bislang unzugänglichen Mechanismus des Aids-Virus blockiert, hat in klinischen Tests gute Ergebnisse geliefert. Das Mittel Raltegravir des amerikanischen Pharmakonzerns Merck, auch bekannt unter der Bezeichnung MK-0518, blockiert das so genannte Integrase-Enzym der HI-Viren und verhindert ihre Vermehrung.

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Bislang kann nur ein weiteres Medikament diesen Mechanismus stoppen: Elvitegravir einer kalifornischen Biotechfirma ist in der Entwicklung aber nicht so weit wie das neue Konkurrenzprodukt.

Die Integrase baut das Viruserbgut in das der menschlichen Zellen ein. Das ist einer der raffiniertesten Mechanismen der HI-Viren, denn die Zelle wird die viralen Gene nicht mehr los und verwandelt sich selbst in eine Produktionsstätte neuer Viruspartikel.

Positive Wirkungen

Bei Probanden, die Raltegravir bekamen, sank die Zahl der im Blut nachweisbaren Virus-Gene innerhalb von 24 Wochen durchschnittlich um 98 Prozent, in der Kontrollgruppe dagegen nur um 45 Prozent, berichten Forscher in der aktuellen Ausgabe des britischen Fachjournals Lancet (Bd. 369, S. 1261, 2007).

Für die internationale Studie wurden 178 Patienten, bei denen die Viren gegen gängige Aids-Medikamente Resistenzen gebildet hatten, in vier Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe bekam nur Medikamente mit herkömmlichen Wirkmechanismen und ein Placebo, die drei anderen bekamen drei unterschiedliche Dosierungen des neuen Wirkstoffs zusätzlich zu den Basis-Medikamenten.

In den beiden hochdosierten Raltegravir-Gruppen sank nicht nur die Zahl der Viren, es stieg zudem die Zahl der sogenannten T-Helferzellen, die für die Immunabwehr unerlässlich sind, von den HI-Viren jedoch im Verlauf der Krankheit zerstört werden.

"Das sind sehr beeindruckende Zahlen, wenn man berücksichtigt, dass nur ein sehr kurzer Zeitraum beobachtet wurde", sagt Gerd Fätkenheuer vom Universitätsklinikum Köln, der im Rahmen der Studie deutsche Aids-Patienten mit dem Präparat behandelt hat.

Enzym ist kompliziert gebaut

"Auch die Nebenwirkungen sind sehr gering." Nach den Ergebnissen der jüngsten Studie stehe einer Zulassung wahrscheinlich nichts mehr im Wege. Wegen ihrer neuen Wirkungsweise ist MK-0518 die Substanz, in die seit Jahren am meisten Hoffnung gelegt wird.

"Die Integrase ist ein idealer Angriffspunkt für neue Wirkstoffe", sagt Aids-Mediziner Hans-Jürgen Stellbrink vom Infektionsmedizinischen Centrum Hamburg, der bereits Patienten mit Raltegravir behandelt hat.

Allerdings ist das Enzym sehr klein, kompliziert gebaut und bietet den Medikamentenentwicklern nur sehr wenig Angriffsfläche. "Außerdem arbeitet es sehr schnell, und ist besonders schwierig zu erwischen," ergänzt Fätkenheuer. Die Widerstandsfähigkeit führt dazu, dass Viren schnell Resistenzen gegen das neue Medikament bilden.

"Drei unserer Patienten sprachen schon nach wenigen Monaten nicht mehr auf das Medikament an", sagt Fätkenheuer. Zur Vorbeugung gegen Resistenzen müssten deshalb gleichzeitig andere Wirkstoffe verabreicht werden.

Dennoch werde MK-0518 ein wichtiges Mittel im Kampf gegen Aids, sagt Stellbrink: Man dürfe einzelne Medikamente jedoch nicht losgelöst voneinander betrachten. Die Integrase ist eines von drei Schlüsselenzymen der HI-Viren und eine der letzten bekannten Schwachstellen.

Seit Jahren gibt es Medikamente, die die beiden anderen Enzyme angreifen. Doch das Virus konnte immer wieder rasch Resistenzen entwickeln. Deshalb werden in der Aids-Therapie immer mehrere von den inzwischen mehr als 20 zugelassenen Wirkstoffen miteinander kombiniert.

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(SZ vom 14.04.2007)