Nachlass Später Ruhm für ein totes Genie

Für seine morbide Ästhetik hat Sven Pfennig die Leinwand bemalt, zerrissen und wieder geflickt. Grobe Nähte halten das Bild zusammenhalten.

(Foto: sïanaïs / froodmat)

Der Künstler Sven Pfennig stirbt jung. Seine Eltern erben die Kunst, die seine Freunde nun würdigen wollen. Über den Versuch, ein Leben im Nachhinein zu retten.

Von Markus Mayr

An einem Frühlingssonntag steigt Jan Gerlach mit dem Ehepaar Pfennig die steile Stiege zum Atelier ihres Sohnes nach oben. Der 35-Jährige hat die Eltern seines verstorbenen Freundes Sven Pfennig gebeten, mit ihm in die Dachkammern zu gehen, in denen Pfennig so viele Stunden malte und an seinen Plastiken arbeitete. Gerlachs letzter Besuch ist eine Weile her. An diesem sonnigen Tag ist er wiedergekommen, um mit den Eltern zu besprechen, wie der Weg der Kunst des toten Künstlers aussehen soll.

Vor zwei Jahren an einem Junimorgen lag Sven Pfennig in seinem Atelier auf dem Fußboden. Sein Vater Joachim Pfennig deutet auf die Stelle, wo er seinen Sohn gefunden hat, der nur 33 Jahre alt geworden ist. Über der Stelle thront eine Staffelei. Farbkleckse auf den Dielen erinnern an sein Schaffen. Hunderte Gemälde lehnen reihenweise an den Wänden. Dazwischen stehen Plastiken.

Die Eltern tragen weite Oberteile, bequeme kurze Hosen. Ihre Füße stecken in Schlappen. Kleidung für daheim. Manuela und Joachim Pfennig wohnen auf einem Grundstück mit zwei Häusern und weitläufigem Garten, auf dem Land in Brandenburg. Doch so sehr ihre Kleidung auch zeigt, dass sie sich hier zu Hause fühlen, so wenig tun sie es dort im ehemaligen Atelier ihres Sohnes auf dem Dachboden des eigenen Hauses.

Alles nur geerbt

Erben ist schön. Erben ist ungerecht. Erben verpflichtet. Erben befreit. Nichts verändert Deutschland in den kommenden Jahren so stark wie die Milliarden, die von einer Generation an die nächste gehen. Was das Erben mit uns macht - ein Themenschwerpunkt der Volontäre der Süddeutschen Zeitung.

Die Blicke von Manuela und Joachim Pfennig streifen die Gemälde in ihren verstaubten Rahmen. Die Frau mit den kurzen, rot gefärbten Haaren stemmt die Hände in die Hüften. Ihr Mann, dessen Kopf bereits mehr grau als schwarz schimmert, verschränkt die Arme vor der Brust. Sie wirken ratlos hier, im ehemaligen Reich ihres Sohnes, inmitten seines Lebenswerks. "Mach es so, wie Sven es gewollt hätte", sagt Manuela Pfennig zu Gerlach und legt damit das Erbe ihres Sohnes in die Hände seines Freundes.

Stirbt ein Mensch, müssen sich die Hinterbliebenen durch seine Hinterlassenschaft wühlen, sie müssen ausmisten und aufheben. War der Verstorbene Künstler, müssen sie sich fragen, was sie als Kunst würdigen wollen und wie sie das am besten anstellen können. Eine Herausforderung.

Gerlach will sich dieser Aufgabe stellen. Einer muss sich ja der Leinwände und Skulpturen annehmen, die der Staub langsam verschluckt. Pfennigs Eltern, diese beiden herzlichen Leute, sind jedenfalls froh, dass sich Gerlach des Erbes ihres Sohnes annimmt. Sie mögen den jungen Kerl mit dem ansteckenden Lächeln - Sunny-Janni nennen ihn seine Freunde deswegen. Sie vertrauen ihm, dass er so mit dem Werk verfährt, "wie Sven es gewollt hätte".

Sven Pfennig - Sein Weg in seinen Bildern

Die Eltern des Künstlers legen das Werk in die Hände seines Freundes.

Daran besteht wenig Zweifel. Gerlach und Pfennig waren Freunde, vor etwa 15 Jahren haben sich die beiden kennengelernt und auf Anhieb verstanden: Pfennig, der schweigsame Künstler mit dem finsteren Geist, und Gerlach, die Frohnatur, die gerne redet und noch lieber lacht. Sie fanden zusammen, vielleicht gerade wegen ihrer unterschiedlichen Wesen. Gerlach war fasziniert von Pfennigs Stil, der so viele verschiedene Techniken zu seiner ganz eigenen morbiden Ästhetik vereinte: Bleistift, Acryl, Öl, Schiefer, Holz, Kaffee, tote Tiere.

Drei Pfennige hängen in Gerlachs Zimmer. Auf einem ist zu sehen, wie ein Boot der Alliierten in der Normandie landet. Das Bild ist aufgemacht wie eine Ansichtskarte mit Poststempel. Gerlach war schon vor dem Tod seines Freundes dessen Kurator und will diese Rolle nun weiter ausfüllen. Unentgeltlich, das versteht sich für ihn von selbst.