Nach dem Brexit "Mein Land war nicht mehr mein Land"

Kann sich mit ihrem Land nicht mehr identifizieren: Kate Connolly

(Foto: Linda Nylind/The Guardian)

Der Brexit bringt die Kolumnistin Kate Connolly zum Weinen - dann beschließt sie, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen.

Von Harald Hordych

Es gibt Menschen, für die ist der Brexit viel mehr als eine unerfreuliche politische Wendung, ein Fakt, der nicht zu ändern ist. Briten, die im Ausland leben und vehement gegen den Brexit sind, wissen nicht mehr, wie sie sich mit einem Land identifizieren können, dessen Bevölkerung Werte und Ideale verraten hat, die sie als substanziell für die Mentalität ihrer Heimat erachtet haben: Offenheit, Weltgewandtheit, Toleranz, Neugier.

Die Guardian-Korrespondentin Kate Connolly gehört zu diesen Menschen. Sie lebt seit 15 Jahren in Deutschland, ist Mutter von zwei kleinen Kindern, 45 Jahre alt und mit einem Deutschen verheiratet. Als die Nachricht vom Ausgang des Referendums sie am 24. Juni erreichte, brach sie in Tränen aus.

"Dieser Tag ist nun fünf Monate her, doch das Gefühl der Entwurzelung und Fassungslosigkeit hält seitdem an", schreibt sie in einem sehr persönlichen Essay, den sie für die Süddeutsche Zeitung verfasst hat. "Bis vor wenigen Monaten beneideten uns viele Deutsche darum, dass wir als fröhliche Patrioten galten, Cool Britannia hatte Tony Blair dieses Phänomen genannt, es ging damals auch um kulturelles Prestige. Mir war das immer etwas peinlich, aber nun kommt es mir besonders albern und absonderlich vor, sogar richtig gruselig, weil Cool Britannia ein Symbol für nationalistische Eiferer geworden ist."

Connolly entschied sich, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. "Mein Land war nicht mehr mein Land", sagte sie. "Um die Formulierung eines meiner Freunde zu verwenden, eines ehemaligen Kriegsreporters, der als persönliche Exit-Strategie seine Wohnung in London verkaufte und nach Paris flüchtete: Der Brexit sei 'die britische Art des Selbstmords - keine protestierenden Massen, keine besetzten Plätze'."

Beim Einbürgerungstest in einem der Klassenzimmer der Volkshochschule fanden sich neben Kate Conolly unter den 17 Prüflingen vier weitere Briten. "Ich habe noch nie so viele Briten bei diesem Test gesehen", sagte der zuständige Prüfer erstaunt.

Conolly beschreibt, wie ihre Eltern auf ihre Entscheidung reagierten, welche bürokratischen Hürden sie auf dem Weg dorthin auf sich nehmen muss und wie es sich für sie anfühlt, Bürgerin eines Landes zu werden, das die Briten einst als Nazi-Deutschland ansahen. Sie geht auch der Frage nach, was aus ihrem Heimatland geworden ist, das noch immer erwartet, dass seine Bewohner stolzerfüllt auf ihr Großbritannien schauen, dem Geburtsort der parlamentarischen Demokratie.

Aber, schreibt Connolly: "Dies fällt schwer, wenn das Land zunehmend bösartig wird, ein Land der Fanatiker."

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Ich werde Deutsche

Kate Connolly ist Britin, schreibt für den Guardian und lebt seit Jahren in Berlin. Nach dem Brexit-Votum will sie sich einbürgern lassen. Für sie bedeutet es viel mehr, als nur den Pass einzutauschen. Von Kate Connolly mehr ...