Von Klaus Hoeltzenbein

Michelle Obama und Madonna machen es vor: Der Bizeps ist die neue Oberweite.

Nie war es leicht, in einer Sportsbar in den USA als Hänfling ein Bier zu ordern. Meist wird der Zugang zur Tränke von halslosen Gestalten verbaut, die wie Popeye auf Steroid wirken. Wer's in einer solchen Notlage sportlich nimmt, stellt sich vor, er sei beim American Football der Quarterback, der mit schüchternem Charme ("Sorry") die Lücke sucht, wo die Frauen stehen.

Michelle Obama

Michelle Obama steht für die neue Oberarm-Ästhetik beim schwachen Geschlecht. (© Foto: AFP)

Anzeige

Vorbei?! Die traditionelle Tresenlücke könnte demnächst imponierend zugestellt sein: von der ewig sehnigen Madonna wie von Michelle Obama samt ihrem muskulösen Gefolge.

Kein Zweifel, dass die frisch gestärkte Oberarm-Ästhetik der Präsidentengattin die Amerikanerinnen zu Tausenden in die Folterkammern des eigenen Körpers treiben wird.

Der Mann hat, dies ist das Symbolische am Kraftakt, den US-Immobilienmarkt eingerissen, die Frau packt an, sie baut wieder auf. Ein edles Ansinnen, nur: Das Problem beim Mucki-Pumpen sind nicht die Muskelstränge, die sind bei der Frau vergleichsweise fein strukturiert; das ästhetische Problem sind quellende Adern, wie sie bei jedem gut geölten Bodybuilding-Wettkampf zu beobachten sind. Schnell dehnt sich die Halsschlagader da zum Schlauch.

Eine weitere Gefahrenstelle ist die Freifläche des Dekolletés. Unter Anspannung, bei Aufregung entwickelt sich eine vieladerige Zone, die anschwellen kann wie das Amazonasdelta unter Dauerregen.

Und wer nicht wie Michelle Obama einen Designer hat, der ärmellose Cocktailkleider auf den Leib schneidert, wird am Ende womöglich doch empfänglich sein für die eitelste, aber auch billigste Lösung, die die Mode seit Feigenblatt und Tanga jemals dem Mucki-Mann empfahl: fürs Muscle-Shirt; halshoch, ärmellos, mit Feinripp oder ohne.

Zurück zur Theke. Eine Autorin des Londoner Guardian überraschte jüngst mit einer biologisch interessanten Frage: "Sind Muskeln die neuen Brüste?" Wenn's so ist, wenn Busen schrumpft und Muskel schwillt, welche Folgen hätte dies für das Gedränge an der Bar?

Tritt bei versehentlicher Annäherung an einen in Hantelarbeit modulierten Rückenstrang zornbebend der Amazonas über die Ufer? Wie greift bei einer flüchtigen Berührung von Delta- oder Kapuzenmuskel in den USA der Paragraph des Sexual Harassment?

Man muss sich Laura Bush und Hillary Clinton nicht gleich im Muscle-Shirt vorstellen, und Mucki-Politik sollte auch keine Frage des Alters sein, aber man darf es einen tatkräftigen Glücksfall der Geschichte nennen, dass Michelle Obama jetzt die Frau geworden ist, die anpacken muss.

Leser empfehlen 

(SZ vom 23.05.2009/mes)