Mütter im 21. Jahrhundert Zurück ins alte Rollenbild

Kollegin Edelgard Will, die in dem Haus für die psychosoziale Therapie sorgt, beschreibt das Dilemma so, dass die Mütter heutzutage tough im Job sein müssten, aber sich schwer dabei täten, "die Balance zu ihrem weiblichen Element" zu finden. Dann denkt die Sozialtherapeutin, die eine schöne lange graue Lockenmähne trägt und die vergangenen Jahrzehnte sicher recht frauenbewegt verbracht hat, sehr lange nach, bevor sie sagt: "Wir erleben die Früchte der Emanzipation. Aber das alles läuft hier gerade gewaltig aus dem Ruder."

Mit den Neuerungen der Gesellschaft scheint es so eine Sache zu sein. Etwa mit den unzähligen Ratgebern, die es zu jeder Lebenslage gibt. Work-Life-Balance, Zeitmanagement für Mütter - es gibt kein Problem, das nicht groß genug aufgeblasen werden kann, um zum gewichtigen Nachschlagewerk zu werden. "Gerade gebildetere Frauen verzweifeln da. Sie haben alles im Kopf, aber keine Strategie, wie sie das umsetzen können", berichtet Frau Will.

Als Elly Heuss-Knapp im Jahr 1951 bei den Ortskrankenkassen dafür warb, diese Kuren zu finanzieren, griff sie dem Rollenkonflikt und der heutigen Debatte über die korrekte Form der Kindererziehung weitsichtig vor. Sie sagte: "Bisher ziehen es die deutschen Mütter vor, den ganzen Tag und bis spät in die Nacht hinein zu arbeiten, die Wäsche zu waschen, Kinderkleider zu flicken und vorzukochen, statt ihre Kinder in Sondereinrichtungen zu geben. Die Gefahr besteht in der Überanstrengung der Mütter."

Heute können die Mütter, wenn sie es möchten, einen Teil des Lebens leichter gestalten - mit Waschmaschinen, günstiger Kinderkleidung und Tiefkühlkost. Ein anderer Teil steht aber offensichtlich allein auf weiter Flur. So gibt es das erforschte Phänomen, dass Frauen, sobald das erste Kind kommt, aus unterschiedlichen Gründen in das alte Rollenbild zurückfallen. Obwohl sie sich mit ihrem Partner zuvor Arbeitsteilung, etwa im Haushalt, gelobt hatten.

Seltsame Bewilligungspraxis der Krankenkassen

Anne Schilling vom Müttergenesungswerk sagt: "Da wird ein traditionelles Muster gelebt, das mit den Anforderungen von heute, der Doppelbelastung durch den Beruf, nicht mehr funktioniert." Ihr Rat an die Frauen lautet schlicht, öfter Nein zu sagen, sich nicht für alles verantwortlich zu fühlen. Hört sich bekannt an. Trotzdem checken immer mehr Frauen weit über den Rand des Nervenzusammenbruchs in den Kliniken ein. Vorausgesetzt, sie bekommen die Kur überhaupt genehmigt.

Dass da heute etwas nicht zusammenpasst in der Gesellschaft, zeigt sehr klar ein Bericht des Bundesrechnungshofs an den Haushaltsausschuss des Bundestags aus dem Jahr 2011, in dem es um die Bewilligungspraxis der Krankenkassen bei Mutter-Kind-Kuren geht. Ein Fallbeispiel geht so: Eine Versicherte machte Überlastung durch ihre Rolle als Mutter, Berufstätige und Hausfrau geltend. Außerdem sei sie demnächst arbeitslos. Die Gutachterin des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung stellt hierzu fest, eine außergewöhnliche psychosoziale Belastung als Ehefrau und Mutter bestehe nicht. Außerdem: "Es kommt hinzu, dass die Doppelbelastung durch ihre eigene Berufstätigkeit ab Januar entfällt. Natürlich treten an die Stelle der Doppelbelastung dann Existenzängste, wenn nur noch ein Einkommen den Unterhalt der Familie sicherstellen muss - was allerdings ebenfalls eher die Regelsituation darstellt."