Türkische Mode ist, bislang, ein Kuriosum. Zwar reicht die Textilgeschichte der Türkei zurück bis ins Osmanische Reich, allerdings waren die Türken immer nur Hersteller, nie Designer. Mittlerweile gibt es 7500 Stofffabrikanten und mehr als 11000 Kleiderproduzenten. Die Ware geht vor allem in die EU - allein im letzten Jahr wurde Kleidung im Wert von 15,2 Milliarden US-Dollar exportiert. Seit die billigere Konkurrenz aus Fernost aber noch mehr auf die Preise drückt, will sich die Türkei auch als Modenation positionieren. Einheimische Labels werden dabei von Itkip unterstützt, dem Verband türkischer Textil- und Bekleidungsexporteure, der auch Organisator der Modewoche ist.

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Zwei türkische Designer brauchen die Modewoche hier nicht mehr, sie sind im Ausland längst ein Begriff. Der Istanbuler Atil Kutoglu lebt und arbeitet in Wien, durfte seine Mode aber schon auf der New York Fashionweek präsentieren. Und natürlich - da beginnen die Augen der modeaffinen Türken zu glänzen - Hussein Chalayan: Der Sohn einer türkisch-zypriotischen Familie hat es immerhin zum Chefdesigner von Puma gebracht und macht unter eigenem Namen Mode, die aussieht wie Kunst.

In Deutschland kennt man vielleicht noch Sarar. Das Label, das nichts mit Zara zu tun hat und im Berliner Quartier 206 hängt, fährt wie viele türkische Firmen zweigleisig: Neben der eigenen Linie werden noch Teile für andere Marken produziert; Sarar etwa macht die Hemden von Burberry.

Aber zurück in die Universität, die nächste Show fängt gleich an. Und auch bei dieser Modewoche ist die erste Reihe mindestens so beachtenswert wie die Mode auf dem Laufsteg: Während in Paris eine Phalanx schwarzgekleideter Damen in gleicher Manier ihre Fohlenbeine verknotet, geht es hier ein wenig unkultivierter zu. Türkische TV-Starlets mit gemachten Himmelfahrtsnasen posieren noch rasch für das Aufmacherbild eines türkischen Revolverblatts, nebenan gackern deutsche Einkäufer, und die jungen Moderedakteure aus Paris denken nicht daran, ihre Sonnenbrillen abzusetzen.

Modetrend: Haremshose

Und die Show, ach ja: Manche Designer sind so auf dem Westtrip, dass sie ihre Entwürfe zuhängen mit allerlei vermeintlich westlichen Details, Bändern, Reißverschlüssen, Fransen, Bauklötzchen. Das Kleid wäre hübsch, bestimmt, man sieht es vor lauter Basteleien bloß nicht mehr. Es kommt hin, was ein Gast während der Schau sagt: "Je mehr sie machen wollen, desto schlimmer wird es."

Nicht alle sind im Verwestlichungsrausch. Die Labels, bei denen der Beifall am längsten währt - Gamze Saraçoglu, BNG, Idil Tarzi, Arzu Kaprol - haben erkannt, dass ihre Chance der Serail-Look ist, der auch international stark gefragt ist, seit Prêt-à-Porter-Labels wie Chloé Haremshosen herausbrachten und seit Kate Moss Turban trug. Und wer könnte Sarouelhosen, römische Togen und Turbane besser verkaufen als die Nachfahren jener, die all das schon vor Jahrtausenden trugen?

Überhaupt ist die Haremshose, die mit ihrem tiefen Schritt aussieht, als trage man drei Pampers übereinander, für türkische Modemädchen, was die Moonwashed-Röhre für Europäerinnen: Zeichen, dass man die Mode durchschaut hat. Man sieht die Haremshose in diesen Tagen nicht nur auf, neben und hinter den Laufstegen, sondern auch auf den Straßen rund um den Taksim-Platz, kombiniert mit Römersandalen und braunen Wellenhaaren.

Mit ein bisschen Glück finden sich diese Mädchen irgendwann auf der Website Istanbulstreetstyle wieder. Jaja, auch Istanbul führt einen Blog über den Stil auf seinen Straßen. Und der dokumentiert vor allem, dass Istanbuls Jugend den Parisern und New Yorkern leidlich hinterherhinkt. Rock über Hose, das ist hier gerade angesagt.

Als das Flugzeug wieder abhebt nach Westen, und der Bosporus glitzert wie ein Schleier, ist klar: Istanbul wird nie wie Paris sein. Nie wie New York. Wenn es das kapiert, könnte es was werden.

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(SZ vom 05.09.2009/aro/bre)