Italiens Modemacher wollen freiwillig die Grenze zwischen Schlankheit und Krankheit ziehen - und Magermodels künftig ausschließen.
Den Italienerinnen war es bekanntlich schon immer wichtig, "Bella figura" zu machen. Wie eine gute Figur auszusehen hat, unterliegt jedoch dem Wandel der Zeiten. So durften früher Pasta und Pizza ihre Spuren hinterlassen, Formen waren erwünscht. Je reicher das Land dann wurde, desto dünner wurde das Schönheitsideal. Heute staksen auch in Italien - vorangetrieben von Mailänder Modemachern - ultraschlanke Frauen mit maskenhaften Gesichtern über die Laufstege. Die vollschlanke Mamma wird nur noch in alten Schwarzweißfilmen als Leitbild gefeiert. "Die Mädchen müssen heute groß, mager und maskulin sein", sagt das italienische Model Beatrice Borromeo. "So lautet die Regel."
Das etwas rundere Model Sophie Dahl. (© Foto: AFP)
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Das Ideal gilt für die Welt der Mode und der Show, doch es strahlt in die Gesellschaft aus. Viele junge Italienerinnen wollen wirken wie die bauchlosen Mannequins, Stars und Sternchen, wie Kate Moss oder Victoria Beckham. Manche werden dabei krank. So prangerte das Kinderkrankenhaus Regina Margherita in Turin eine "Ideologie der Magerkeit" an. Die Magersucht-Patientinnen würden immer jünger, sagte ein Professor. Oft erzählten die Mädchen, sie wollten Model werden. Der Statistik zufolge leiden heute drei Prozent der Italiener an krankhaften Essstörungen wie Magersucht und Bulimie.
Natürlich ist dafür nicht allein das Modediktat verantwortlich. Ärzte und Politiker glauben jedoch, der Magerkult nähre die Misere. Davon scheint mittlerweile auch die Modebranche samt der Mailänder Alta Moda überzeugt zu sein. Jedenfalls will sie sich jetzt in einem spektakulären Pakt mit der Politik zur Trendwende verpflichten. Am Freitag wird das "Manifest der Selbstkontrolle" in Rom unterzeichnet. Punkt Eins setzt die Rückkehr zu den Urformen fest. Das Mode-Ideal solle sich wieder mehr an der "gesunden, sonnigen, großzügigen, mediterranen Schönheit" orientieren.
Schon bei den Mailänder Defilees Anfang 2007 wird Schluss sein mit ausgemergelten Modellen, versprechen die Modemacher und verheißen Mut zur Größe. So soll die "Taglia" 38, das entspricht in Deutschland der Größe 34, von den Laufstegen verschwinden und dafür öfter sogar eine 48 (Deutschland 44) auftauchen. Zudem müssen die Modells mindestens 16 Jahre alt sein und ein ärztliches Gesundheitszeugnis vorweisen. Mädchen mit Essstörungen sollen nicht mehr auflaufen.
Dabei entspringt die Selbstverpflichtung mehr als nur der Selbstlosigkeit. "Der Versuch, ein blühenderes Ästhetik-Modell zu erarbeiten, ist nicht nur kulturell und moralisch wichtig, sondern auch kommerziell ergiebig", hat die Branche erkannt. Schließlich sehen die meisten Kundinnen nicht aus wie Naomi Campbell.
"Ich danke der italienischen Modewelt, die sich verpflichtet hat, eine Grenze zwischen Schlankheit und Krankheit zu ziehen", sagte Italiens Jugendministerin Giovanna Melandri bei der Vorstellung des Pakts. Nun hoffe sie, dass die gesamte Branche von den Designern über die Stylisten, Fotografen und Agenturen bis hin zu den Zeitschriften die guten Vorsätze wahr mache. Da Italien in Sachen Schönheit ein Vorreiter sei, könnten die gesünderen Ideale international Schule machen.
Bis es zu der Vereinbarung kam, mussten die Politiker allerdings einige Geduld aufbringen. Seit langem wollen sie die Mode beim Kampf gegen die Magersucht in die Pflicht nehmen. Armani, Versace und Co. Sträubten sich aber zunächst gegen eine Verantwortlichkeit. So sagte Giorgio Armani einmal, er selbst wolle ja keine zu mageren Mädchen einsetzen, Stylisten und Medien aber drängten dazu. Andere meinten, die Magersucht sei keine Modeerscheinung, sondern eine kulturelle Krankheit, und wieder andere verteidigten sich, dicke Kinder seien das größere Problem.
Doch dann schlossen die Spanier im September untergewichtige Modells von der Modewoche in Madrid aus. Im Oktober bildete sich ein runder Tisch aus Modevertretern und Politikern in Italien. Im November starben zwei brasilianische Models an Magersucht. Da schließlich rangen sich die italienischen Modemacher durch, mit gutem Beispiel auf den Laufstegen voranzugehen.
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