Von Kerstin Weng

Sie sind im Auftrag des guten Geschmacks unterwegs: Die "mobilen Stylisten" Meghan Folsom und Chelsea Gombes beraten New Yorker Passanten in Modefragen.

Um in New York Stadtgespräch zu werden, braucht es einiges - könnte man meinen. Irrtum: Meghan Folsom und Chelsea Gombes reichten ein Tisch, zwei Stühle und ein Banner mit den Worten: "Free Fashion Advice". Die "mobilen Stylisten", wie sie sich nennen, sind ein bisschen wie Lucy von den Peanuts - nur dass es bei ihnen statt psychologischer Hilfe Modetipps gibt.

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"Wir wollen etwas von unserem Wissen über Stil weitergeben", sagt Chelsea, 26, blond, blaue Augen, freie Stylistin. Sie arbeitet für Modemagazine wie L'Uomo Vogue, ihre Freundin Meghan bei der Zeitschrift Harper's Bazaar - doch wenn die beiden an ihrem Stand sitzen, irgendwo in den Straßen von New York, treffen sie meist auf Menschen, die Jeans im Supermarkt kaufen und All-Wetter-Jacken für topmodern halten.

Schon mal jemanden ausgelacht, weil er unmöglich aussah? "Warum sollten wir gemein zu den Leuten sein? Es gehört viel Mut dazu, sich vor jemanden Fremden zu stellen und zu fragen: ,Wie seh' ich aus?", sagt Meghan, 26, brünett, mit Sommersprossen auf der Stupsnase.

Die Arbeitsuniform muss schlicht sein

Sie und Chelsea lernten sich als Teenager in einem Ferienlager kennen, später gingen beide gemeinsam aufs College. Seit der New Yorker Modewoche im vergangenen Herbst geben die "Traveling Stylists" fast jede Woche Modetipps. Ihre Arbeitsuniform: schwarzer Trenchcoat, schwarze Sonnenbrillen. Meghan erklärt: "Unser Look muss reduziert sein, sonst denkt sich noch jemand: ,Von den verrückten Hühnern lass' ich mir doch nichts sagen!"

Wo und wann sie ihren Stand aufstellen, kündigen die beiden vorher auf ihrer Website an. Die Resonanz ist riesig, es kommen Alte wie Junge, Männer und Frauen, Amerikaner, Touristen, modisch Interessierte und total Ahnungslose. "Wir machen aber kein Umstyling, sondern geben Anregungen und Shoppingtipps. Als Stylist kennt man fast jeden Laden in New York", erklärt Chelsea. Und wenn jemand mit der großen, das modische Dasein umspannenden Frage "Was soll ich anziehen" kommt? "Dann fragen wir nach dem Job und Hobbys. Die Kleidung muss zum Leben passen.

Es geht um die Menschen

Und zum Körper. Das ist das Hauptproblem: Die Leute tragen schlecht sitzende Sachen. Die Schuhe, gerade Peeptoes, sind oft zu klein, da baumeln die Zehen vorne raus. Furchtbar." Es seien aber eher Männer, die Probleme mit den Schuhen haben, Frauen dagegen mit Hosen. Die New Yorker seien zwar gut gekleidet, aber viel zu trendversessen; Männer hätten eine nicht akzeptable Vorliebe für T-Shirts mit Aufdruck und seien oft extrem übergewichtig. "Was wir aber nicht sagen. Wir geben Tipps, wie sie von den Kilos ablenken."

Die Modeexpertinnen nehmen kein Honorar für ihre Beratung; die Kontakte sind ihnen wichtiger. "In unserem Job zupft man täglich an Models herum und arbeitet stundenlang für ein einziges schönes Foto. Das macht Spaß, aber am Ende fehlte uns etwas. Von diesem Projekt haben die Leute wenigstens einen Nutzen."

Wie nützlich sie sind, bekommen sie immer wieder zu spüren. "Einmal war eine krebskranke Frau bei uns, die wegen einer Chemotheraphie keine Haare mehr hatte. Sie suchte vergeblich nach einem hübschen Hut, also nannten wir ihr ein paar tolle Läden. Sie freute sich so sehr darüber, dass sie uns herzte und mehrmals auf die Wange küsste." Vielleicht sind die beiden auch deswegen in New York Stadtgespräch - weil es ihnen um die Menschen geht.

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(SZ vom 13.06.2009/vs)