Mitfahrgelegenheit Was ich beim Pendeln über Deutschland lernte

Steig ja nie in fremde Autos ein, lernt man als Kind. Aber was, wenn man schnell und billig ans Ziel kommen will? Ein Rastplatz auf der A 9.

(Foto: Katja Hoffmann/laif)

Drei Jahre lang nutzte unsere Autorin jedes Wochenende eine Mitfahrgelegenheit, um von München nach Leipzig zu kommen. Eine Reportage über ein nervenaufreibendes Auf und Ab.

Von Ulrike Nimz

Kurz vor Leipzig steht eine Pyramide, 31 Meter hoch. Wenn sie nachts erleuchtet ist und alles andere im Dunkeln liegt, kann man sich einbilden, vor einem liege das Niltal und nicht die A 38 zwischen Knautnaundorf und Gaschwitz. Die Pyramide ist die größte Attraktion im Freizeitpark Belantis und eigentlich eine Wasserrutsche. Sie ist nicht aus Sandstein, sondern aus einem Betonkunststoffgemisch, das schwarz anläuft durch den Dreck der Autobahn. Drei Jahre lang habe ich die Pyramide vorbeifliegen sehen, jeden Freitag, vom Rücksitz irgendeines Autos. Sie ist mir zum Symbol für das Pendeln geworden: die Illusion einer Reise, begleitet von nervenaufreibendem Auf und Ab.

430 Kilometer liegen zwischen München und Leipzig. Dank der neuen ICE-Strecke kann man die inzwischen recht zügig hinter sich bringen. Früher jedoch kostete eine Fahrt mit der schnellsten Verbindung knapp 100 Euro und fünf Stunden. Der Fernbus braucht noch länger und fährt zu ungünstigen Zeiten. Eine Mitfahrgelegenheit erscheint da in jeder Hinsicht lohnender: Man steigt zu Fremden ins Auto, rollt vier Stunden die A 9 hinauf, drückt zum Abschied einen Zwanziger ab und die Hände von Menschen, die keine Fremden mehr sind. Wer selten mitfährt, glaubt, dass es tatsächlich so läuft. Wer öfter mitfährt, erlebt, dass Fahrer schneller einschlafen können als Körperteile. Wer jahrelang dabei ist, kauft ein Eigenheim mit Sanifair-Bons und schreibt seine Mitfahr-Memoiren.

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1. Kapitel - Fluchtpunkt Sachsen-Anhalt

Das Rasthaus Frankenwald kurz hinter Hof ist eines von zwei Brückenrestaurants in Deutschland. Man kann hoch oben über der Fahrbahn sitzen und ein Schnitzel genießen, das aussieht wie ein paniertes Elefantenohr. Früher hatte man von dort aus einen guten Blick auf Stacheldraht und Wachtürme. Heute ist nicht mehr viel zu sehen von der innerdeutschen Grenze, aber man spürt sie noch. Das Wetter ändert sich hier manchmal abrupt, und Freitagabend fahren die Autos fast ausschließlich in eine Richtung - gen Osten. Dass dreimal mehr Beschäftigte von den neuen in die alten Bundesländer pendeln als umgekehrt, hat etwas mit Niedriglöhnen zu tun und damit, dass keines der Dax-Unternehmen seinen Sitz in Ostdeutschland hat. Aber auch mit dem, was die Leute Heimat nennen.

E. trug gestreifte Hemden, eine natürliche Bräune und war auf eine Otto-Katalog-hafte Art gut aussehend. Seine Familie verbrachte die meiste Zeit in einem Vorort von Leipzig. E. verbrachte die meiste Zeit in einem Passat, der nach Vanille roch. In seinem Online-Profil stand: "Bitte nicht während der Fahrt essen." E. war ein guter Fahrer und ein noch besserer Angestellter. Er kam als Erster und ging als Letzter, weil niemand zu Hause auf ihn wartete. Er versackte nicht in Bars, er fing nichts mit Kollegen an, keine Affären und schon gar keinen Streit. Er lebte in einer WG, auf acht Quadratmetern, Wand an Wand mit einem Pärchen. Das wiederum stritt sehr oft. E. plauderte darüber, als sei es das Wetter, etwas, das nicht zu ändern ist. Er hätte ganz nach München ziehen können, aber er wollte nicht - zu groß, zu blasiert, zu teuer. Auch nach acht Jahren fremdelte E. mit der Stadt, er pflegte dieses Gefühl wie eine stachlige Zimmerpflanze. Es half ihm dabei, sich jede Woche aufs Neue in die Staus vor Ingolstadt und Nürnberg zu stellen.

18 Millionen Deutsche sind Pendler. Das heißt, sie überwinden auf dem Weg zur Arbeit Grenzen - die von Gemeinden, Bundesländern und die eigenen. Zwei Drittel nutzen das Auto. Immer häufiger holen sie sich ihr Spritgeld zurück, indem sie Leidensgenossen mitnehmen. Bei manchen dieser Kilometerfresser stieg ich mehrmals zu, die meisten aber waren One-Way-Stands: Da war der Biologe, der in München unter der Woche den Fortpflanzungszyklus der Wühlmäuse erforschte und am Wochenende in Merseburg versuchte, mit seiner Freundin ein Kind zu zeugen. Es gab D., der immer freitags in einem schwarzen Mustang nach Dessau heizte, wo er auf seine Frau wartete, die von Hessen aus einpendelte. Oder K., die Fernsehfrau, die in ihrem roten Van so viele Jahre hin und her gefahren war, dass sie praktisch die Erde zwanzig Mal umrundet hatte.

Zweitjob: Pendeln

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Am liebsten war mir der stille Ronny. Ronny war Fliesenleger, so viel war aus ihm rauszubekommen. Er hätte sich auch in Leipzig die Knie kaputt machen können, aber in München bekam er das Doppelte dafür und einen Dienstwagen. Er musste Kinder haben, weil an den Fenstern seines Golfs ein Marienkäfer-Sonnenschutz hing. Ronny war bis zum Kinn tätowiert. Man musste also nicht viel reden, um zu wissen, was ihm unter die Haut ging: Werder Bremen und Hardcore-Punk. Trotzdem hörte Ronny im Auto ausschließlich Deutschlandfunk, was mich stets mit stummer Dankbarkeit erfüllte. Die meisten Menschen bevorzugen ihre Lieblingsmusik. Ich kenne inzwischen die Techno-Sets von Dr. Makrele und die Alkoholballaden einer Mittelalterkapelle namens Knasterbart ("Branntwein für alle!"). Der kleinste gemeinste Nenner aber bleibt das Privatradio. Nach einer Stunde stumpfer Bieber-Beats kriegt man Kopfweh. Nach zwei Stunden verliert die Vorstellung eines tödlichen Unfalls ihren Schrecken. Nach drei Stunden ist man eine Person, die immer lacht, die immer lacht, die immer lacht.

Der stille Ronny mochte Radiofeatures mit Titeln wie: "Können Vasen sprechen? Eine Archäologie der Geräusche". Er war ein Zen-Meister der Mitfahrgelegenheit, der Einzige, bei dem ich lange regelmäßig mitfuhr und deshalb auch der Einzige in diesem Text, der einen Namen hat. Der Tag, an dem Ronny nicht mehr inserierte, war ein schlechter Tag, aber wohl nur für mich. Ich sah ihn ein paar Monate später in Leipzig auf der anderen Straßenseite. Er trug eine Handwerkerhose und ein kleines Mädchen auf dem Arm.