Midlife-Crisis Wenn der Mann in die Jahre kommt

Bei den meisten Männern fängt es so um die 40 Jahre herum an. Sie fühlen sich müde, abgeschlagen. Sie nehmen zu, obwohl sie nicht mehr essen als zuvor. Nicht nur bei Frauen stellen sich in der Lebensmitte die Hormone um.

Ihre Potenz lässt nach, und überhaupt haben sie weniger Lust auf Sex. Auch wenn die wenigsten es sich zunächst eingestehen, werden Mediziner in diesem Fall die eindeutige Diagnose stellen: Diese Männer sind in die Wechseljahre gekommen.

"Genau so wie bei Frauen stellen sich beim Mann die Hormone um", sagt der Androloge Wolfgang Harth, der die Männergesundheit im Berliner Vivantes-Klinikum leitet. Der Umschwung erfolge zwar nicht von einem Tag auf den anderen, aber schleichend verändere sich auch der männliche Stoffwechsel. Bis zu 1,5 Prozent nimmt das Testosteron im Blut des gereiften Mannes jährlich ab - kein Wunder, dass damit Erektionsstörungen und nachlassendes Interesse am Liebesleben einhergehen.

Für Männer ist das fatal, definieren sie sich doch stärker als Frauen über ihre Sexualität. Sie fühlen sich weniger wert, gekränkt, sehen das ganze Leben aus den Fugen geraten. Die langsame, doch stetige Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes - der Bauch wächst und die Haare fallen aus - mindert das Selbstbewusstsein zudem.

Eingeständnis als erster Schritt aus der Krise

Dazu kämen bei vielen Männern äußere Umbrüche, erklärt Peter Thiel von der Berliner "Männerberatung". Der Therapeut sitzt vor Patienten, die im Beruf erreicht haben, was es zu erreichen gab. Die Kinder sind großgezogen, und in die Beziehung hat sich eine einschläfernde Routine geschlichen. Kommt alles zusammen, beginnt der Mann zu grübeln, wird unruhig oder depressiv. "Viele stellen sich in dieser Lebensphase die Sinn-Frage und denken darüber nach, was sie bisher erreicht haben und was nun im Leben noch kommen soll", sagt Thiel.

Wenn ein Betroffener zu dem Therapeuten in die Beratungsstelle kommt, ist ein entscheidender Schritt getan - die Krise ist erkannt und eingestanden. Für Männer, die oft mit dem Rollenbild des starken, robusten Familienernährers groß wurden, ist das keine Selbstverständlichkeit. Viele verdrängen ihre Probleme, trainieren in Fitnessstudios verbissen gegen den wachsenden Bauch an und legen ein Verhalten an den Tag, das als "Midlife-Crisis" bekannt ist. "Manche gehen zwanghaft auf Brautschau und suchen nach einer jüngeren Partnerin, von der sie sich die Lösung ihrer Selbstzweifel erhoffen", sagt Thiel.

Andere sehen in einer Hormonbehandlung ein wirksames Mittel gegen den folgenreichen Leistungsabfall. In einer Zeit, in der Pharmakonzerne und Apothekerblättchen potenzfördernde Medikamente als Allheilmittel der Gesellschaft anpreisen, scheint es nahezu normal zu sein, ab einem gewissen Alter mit Arzneien nachzuhelfen. Experten mahnen jedoch zur Vorsicht. "Wenn jemand schon mit Mitte 30 auf Hormonpräparate schielt, könnte dahinter ein psychisches Problem stecken oder die Abgeschlagenheit auf eine depressive Störung hindeuten", sagt Harth.

Hormonbehandlung nur als Teil der Krisenbewältigung

Er klärt mit den Patienten zunächst anhand eines Fragebogens das eigentliche Krankheitsbild ab. In vielen Fällen könnten Betroffene mit gesunder Ernährung, mehr Bewegung und Sport ihre Defizite ausgleichen oder zumindest lernen, mit ihnen umzugehen. Nur wenn das Testosteron nachweisbar schwindet, kommt eine Hormonbehandlung bei einem der bundesweit knapp 600 Andrologen überhaupt infrage. Das Sexualhormon kann dann entweder als Gel aufgetragen oder über einen längeren Zeitraum gespritzt werden.

Therapeut Thiel würde einer solchen Behandlung im Notfall zustimmen. "So ein freier Fall kann sehr tief nach unten gehen." Medikamente - seien es Viagra oder Psychopharmaka - sollten aber lediglich eine Stütze sein, um wieder Freude am Leben zu entdecken.

Thiel erörtert mit seinen Klienten in Gesprächen alternative Wege aus der Krise. Wo gibt es Möglichkeiten eines Neuanfangs? Welche Projekte können die kommenden Lebensjahre bestimmen? Wenn eine Partnerschaft nicht mehr zu retten ist, rät Thiel in Einzelfällen zur Trennung - und damit zu einem Neubeginn. "Vor allem müssen wir eine neue Kommunikationskultur unter Männern fördern", sagt der Therapeut.

Er beobachtet zwar eine steigende Nachfrage nach Beratungsangeboten, gemessen an der Zahl der Männer insgesamt kämen aber immer noch zu wenige, um sich zu öffnen und ihre Probleme anzugehen. Harth empfängt im Vivantes-Klinikum an die 500 Patienten im Jahr, die niedergeschlagen sind und sich ausgebrannt fühlen - Tendenz ebenfalls steigend. Der Androloge sieht darin einen gesellschaftlichen Trend: "Die Männer haben anders als früher Zeit für einen dritten Frühling - den wollen sie genießen."