Michelle Obama wird Gärtnerin Auf die Schippe genommen

Die Krise wird immer schlimmer. Zeit, sich selbst zu versorgen. Am besten mit Gemüse aus dem eigenen Garten. Michelle Obama fängt schon mal damit an.

Von Bernd Graff

Michelle Obama kam, dem Anlass entsprechend, in Gummistiefeln. Ausladenden Schrittes querte sie die Weiten des South Lawn, jenes von Wiese dominierten, im Baumbestand englisch gewürfelten Gartens hinter dem Weißen Haus, der bis zum Zweiten Weltkrieg öffentlich zugänglich war.

Ulmen wachsen hier, Japanischer Ahorn und Magnolien. Ansonsten aber dient er als Landeplatz für den präsidialen Hubschrauber, der Marine One, und als Aufmarschgelände für die State Arrival Ceremony, den alljährlichen Wettbewerb des Ostereierrollens und sommerliche Grillfeste des White-House-Personals. Mit anderen Worten: Der Garten wird nicht genutzt. Eine Schande.

Bloßes Ziergrün um den präsidialen Tempel war bereits Eleanor Roosevelt, der First Lady von 1933 bis 1945, ein Rosendorn im Auge. Also krempelte Eleanor damals die Rüschen hoch und bestellte in schlimmsten Kriegsjahren einen sogenannten Victory Garden, einen Kriegsgarten der Selbstversorger, in dem sie Gemüse, Salat, Rüben, Obst ... eigentlich alles anbaute, was gesund macht und welk wird.

Diese auch Verteidigungsgärten genannten Agrarflächen des einfachen Mannes waren in den USA nicht nur eine Entlastung für die staatlichen Anstrengungen, die Bevölkerung in Kriegszeiten mit ausreichend nahrhaften Lebensmitteln zu versorgen, sondern galten auch als veritable Moral-Booster, weil sie den Teilzeitlandmann lehrten, ehrliche Ernte für ehrlich schweißtreibende Arbeit einzufahren. Abgesehen davon sind Frischluft und guter Düngergeruch an sich schon etwas Feines.

Indes, nach dem Krieg verwilderten Gärten wie Ernährungsgewohnheiten wie die Sitten im Allgemeinen. Die Clintons etwa, das kann man sich fast denken, zogen nur noch ein paar Gewürze in Töpfen auf dem weißhäuslichen Fensterbrett. Da musste also erst Michelle in Gummistiefeln kommen, in atemberaubenden schwarzen Gummistiefeln!, dazu mit Spaten und Forke. Angeblich hatten grüne Bürgerinitiativen sich für die Wiederbelebung der Eleanor'schen Tradition starkgemacht und das Symbol vorbildlich lokal angebauter Nahrung beschworen.

Die Organisation Kitchen Gardens International etwa sammelte einige hunderttausend Unterschriften für das präsidiale Wachsen und Gedeihen. Ein, man muss es aussprechen, gutgewissiges Lohas-Ding also: natürlich, nahrhaft, nachhaltig. So veragumentiert man das ja mittlerweile, wenn blasse Akademiker plötzlich mit erdschwarzen Fingernägeln an Konferenztischen sitzen und ihnen die schwere Krume vom Absatz auf den Vorstandsflor bröckelt.

Auch die derzeitige First Lady, die neben 54 weiteren Gemüsesorten vor allem Rucola, dieses Hasenfutter für Besserverdienende, auf einer etwa 100 Quadratmeter großen Fläche anzubauen gedenkt, sprach zwischen den Spatenstichen vom Wert gesunder Ernährung. Gerade auch für ihre Töchter Malia und Sasha, die von zu viel TV-Dinner ein wenig in die Breite gegangen waren, weshalb der Doktor ihnen bewusstere Diät verordnet habe: "Er hat damit eine Fahne für uns gehisst", erklärte Michelle Obama, die Töchter seien auch schon wieder dünner. Und darum pflanze man jetzt alles außer Rüben - denn die mag Barack nicht.

Nun, jede gesunde Ernährung ist zu loben, vor allem, wenn sie trotzdem schmeckt. Doch darf man das neuerliche Lob von Schippe und Scholle in seiner Symbolträchtigkeit auf gar keinen Fall auf das rein Diätische reduzieren. Das tat ja auch schon Daniel Gottlob Moritz Schreber, der Herr der gleichnamigen Gärten, nicht, als er seine Anlagen Kindern "zur gesunden Triebabfuhr" empfahl.

Es kommt ja nicht von ungefähr, dass Michelle Obama seit Beginn des Monats in Essensdingen unterwegs ist. Am 5. März sah man sie in einer Suppenküche bei der Speisung der Armen. Auch hier gab's Grünzeug und die Kost des kleinen Mannes. Nun bestellt sie sogar ihr eigenes Gärtchen für diskursiv schmackhaft Gemachtes und spricht von Signalwirkung und "der Freude an der eigenen Arbeit." Dan Barber, ein Nachhaltigkeitskoch, wird denn auch schon von der New York Times zitiert: "Ich glaube nicht, dass ich übertreibe, wenn ich feststelle, die Kleingärtnerei kann zu realem Wandel beitragen."

Tatsächlich wandelt sich doch da etwas: Wir durchleben gerade die schlimmste Weltwirtschaftskrise seit Erfindung der Depression. So viel Runkeln kann man gar nicht anbauen, wie es zu deren Bewältigung bräuchte. Insofern ist Michelles Garten kaum mehr als ein Radieschen auf dem heißen Stein. Hinzu kommt, dass sich der vormalige Rasen bei Michelles Urbarmachung als "wenig spatenfertig" erwies und als harter Brocken erwies, wie die New York Times schrieb.

Auch wenn also das Küchenpersonal des Weißen Hauses schon das Lob der Eigentomate anstimmt und die Speisekarte des Präsidenten nach den Gemüsen der Saison ausrichtet, ist doch völlig klar, was diese Gärtnerei tatsächlich symbolisieren soll: Harte Zeiten, durch die man sich durchbeißen muss, gerade weil sie so nachhaltig hart sein werden. Ein Stück Potato-Propaganda also - und an die Maulwürfe hat auch wieder keiner gedacht.

An die Schaufeln, fertig, los!

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