Michael Jackson Der König mit dem Handschuh

Als Michael Jackson wie ein Monarch die Popmusik beherrschte, erlangte vor allem ein Accessoire Berühmtheit: sein weißer Handschuh. Der erste Einsatz 1983 ist legendär - und schockte die Popwelt.

Von Gökalp Babayigit

Es gab eine Zeit, da herrschte ein König über die Popmusik. Eine Zeit, in der sich das Volk noch nicht emanzipiert, der Pop sich durch das Internet noch nicht demokratisiert - oder anarchisiert - hatte. Dieser König des Pop, von dem die Rede sein soll, regierte sein Reich aber nicht wie ein Tyrann mit eiserner Faust. Er trug einen - und zwar nur einen - weißen Handschuh.

Als Michael Jackson im Jahr 1983 bei einer Show anlässlich des 25. Geburtstages des Musiklabels Motown vor die Zuschauer trat, war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Sein Album "Thriller", das im November 1982 in die Läden gekommen war, war auf dem Weg, die bestverkaufte Platte aller Zeiten zu werden. Niemand, wirklich niemand konnte zu dem Zeitpunkt dem damals 24-jährigen Spross einer Musikerfamilie aus Indiana das Wasser reichen. Michael Jackson war ganz oben, der Auftritt sollte seinen Status der unangefochtenen Nummer eins im Musikgeschäft für alle sichtbar machen. Und es wurde eine Demonstration.

Der Auftritt Jacksons, bei dem der Superstar mit "Billie Jean" in Abgrenzung zu alten Jackson 5-Zeiten bewusst einen Song darbot, der nicht bei Motown erschienen war, wurde für den Emmy nominiert und galt kurze Zeit später bereits als legendär. Die Medien priesen den einzig wahren Pop-Titanen (einer, der den Namen auch wirklich verdient), für viele war es der beste Auftritt in der Show - trotz großkalibriger Konkurrenz durch Marvin Gaye, den Temptations und Diana Ross. Der angesehene Musikkritiker Greil Marcus sah das Volk "geschockt" ob Jacksons Darbietung, nicht nur wegen des erstmals gezeigten Moonwalk, sondern auch wegen des berühmten Griffs zwischen die Beine. Der weiße Handschuh machte den Griff unübersehbar. Marcus schrieb: "Er beschritt die TV-Bühne nicht, als ob er sie beherrsche, nicht als ob sie für ihn gebaut sei - sondern so, als ob seine Präsenz allein sie ins Leben gerufen habe."

Jacksons Bühnenoutfit wies neben den obligatorischen Accessoires (schwarze Glitzerjacke, silbernes Glitzerhemd, weiße Socken unter der etwas zu kurzen Hose und ein schwarzer Hut) eines auf, das auch noch Jahre später zur äußeren Erscheinung des "King of Pop" gehören sollte, während er die Glitzerjacken bald für militärisch anmutende Uniformen austauschte: ein weißer, mit Pailletten besetzter Handschuh, getragen an der linken Hand. Und dann die ersten Takte von "Billie Jean", den Hut tief ins Gesicht gezogen, der Griff in den Schritt mit eben der behandschuhten Hand: der Beginn einer der größten Auftritte, den die Welt bis dahin gesehen hatte.

Jackson trug den weißen Handschuh - mal links, mal rechts - noch bis in die frühen neunziger Jahre bei Liveaufritten. Besonders prominent kam er bei "Billie Jean" zur Geltung. Vielleicht war das mit Pailletten besetzte Accessoire ein vorweggenommenes Symbol für die überbordende Exzentrik, die Michael Jackson später beherrschen und die zu seinem Sturz beitragen sollte. Würde man Justin Timberlake heute ähnlich fragwürdige Extras nachsehen? Vielleicht war der Handschuh aber auch etwas anderes. Was er auf jeden Fall war: ein Gesprächsthema, bei dem am Ende immer die Frage nach dem Wieso im Raum stehenblieb. Wieso sollte ein Sänger einen (und nur einen!) Handschuh auf der Bühne tragen?

Jackson, der für seine Wizard-of-Oz-Romantik auf seiner Neverland-Ranch ohnehin sturmreif geschossen wurde von Humoristen aus aller Welt, musste auch für den Handschuh viel Häme einstecken. Er hielt trotzdem an dem Accessoire fest. Für ihn schien es dazuzugehören. Einem Zauberer gleich wollte Jackson Magie auf der Bühne verbreiten. Er war besessen von der Idee, seine Zuschauer und Fans etwas von der Magie spüren zu lassen, ihnen die Tür oder zumindest das Fenster zu einer besseren und sorgenfreien Welt - seiner Märchenwelt - zu zeigen. Der Paillettenhandschuh, von dem das oft verwendete weiße Licht der Bühne so schön reflektieren konnte, könnte Jacksons Symbol für diese andere Welt gewesen sein.

Auch nach der Anarchisierung des Pop finden sich im Internet heute noch Royalisten, die dem König huldigen. Keinem anderen Accessoire Jacksons kommt dabei mehr Aufmerksamkeit zu als dem Handschuh. Beim "White-Glove-Tracking"-Projekt haben es sich viele Freiwillige zur Aufgabe gemacht, aus der Aufnahme der Motown-Show Bild für Bild den weißen Handschuh zu lokalisieren.

Mit der gewonnen digitalen Information aus mehr als 10.000 Frames lassen sich verschiedene Effekte in Jacksons Auftritt hineinarbeiten. Kultstatus hat dabei das Video "Giant White Glove" erreicht, bei dem Jacksons Handschuh zum riesigen Patschehändchen aufgeblasen wird. Der einstige Superstar ähnelt in dem Video Mickey Mouse.

Für den Kulturwissenschaftler Robin Markowitz wird der Handschuh folglich auch ein Symbol für die Entfremdung Jacksons von seinem Publikum. Als der gefallene King of Pop einmal gefragt wurde, wieso er das zum Bühnenoutfit gehörende Kleidungsstück denn auch offstage, also auch fernab der Bühne trage, antwortete er: "Auf diese Weise bin ich niemals offstage."

Der mit Edelsteinen besetzte Original-Handschuh von Michael Jackson wurde von der Firma Bonnie Doone Estate in Kalifornien hergestellt. Vor wenigen Monaten versuchte ein Ebay-Verkäufer, einen von Jackson getragenen Handschuh für 388.000 US-Dollar zu verkaufen - erfolglos. Ein weiteres Angebot derzeit hat den Startpreis von 250.000 US-Dollar. Es gibt aber auch weiße Show-Handschuhe beim Anbieter PartyPaket - für 1,99 Euro.