"Me Too" Frankreichs Frauen fürchten die Prüderie

Lauter und pointierter als in anderen Ländern: Catherine Deneuve und der Moderator der Gala in Cannes, Laurent Lafitte, küssen sich 2016 auf der Bühne des Filmfestivals.

(Foto: Getty Images)

Berühmte Französinnen kritisieren die "Me Too"-Debatte. Gerade in Frankreich möchten Frauen vor allem vermeiden, überempfindlich zu wirken oder als Opfer gesehen zu werden.

Von Joseph Hanimann, Paris

In Frankreich, wo schon in der gepuderten Halböffentlichkeit des Versailler Hofs die Frauen lauter und pointierter sprachen als in anderen Ländern, schlägt man auch in der Frage der sexuellen Belästigung oder der sexuellen Gewalt eigene Töne an. Das Nebeneinander der mehrheitlich berufstätigen Frauen mit den Kollegen im Arbeitsalltag ist längst selbstverständlich.

Selbstverständlich bleibt allerdings auch, dass sie meistens weniger verdienen und bislang eher selten in die Spitzenpositionen von Wirtschaft oder Politik gelangen. Das wird mit spitzer Zunge und schärferen Kontroversen wettgemacht. Ist ein männliches Kompliment über das attraktive Aussehen für viele Französinnen noch nicht gleich ein Affront, so greifen sie, wenn es ernst wird, gern zu härteren Worten.

Die "Me Too"-Welle hat auch Frankreich erfasst, verwandelte sich dort aber bei einigen zur kämpferischen Formulierung "Balance-ton-porc" (etwa: Verpfeif das Schwein). Gleichzeitig meldeten sich früh Gegenstimmen mit der Warnung vor allzu schnellen Verallgemeinerungen. Zwei Wirkungen möchten zahlreiche französische Frauen vor allem vermeiden: Sie wollen nicht in die passive Rolle des schutzsuchenden Opfers gedrängt werden und ebenso wenig in den Verdacht der sinnfeindlichen Überempfindlichkeit oder gar der Prüderie geraten. Kaum war die Affäre um Harvey Weinstein in Gang gekommen, erklärte die Schauspielerin Juliette Binoche, auch sie hätte mit diesem Mann zu tun gehabt, hätte seinen Charakter und seine Neigungen aber schnell einzuschätzen gelernt und sich entsprechend distanziert verhalten - auch darin liege Frauenpower.

Vor diesem Hintergrund haben nun hundert Persönlichkeiten, darunter die Schauspielerinnen Catherine Deneuve und Ingrid Caven, die Schriftstellerin Catherine Millet und die Künstlerin Gloria Friedmann, eine Erklärung unterzeichnet. Einigkeit besteht bei allen darüber, dass sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung durch Vorgesetzte nach Sanktionen verlangen. Eine deplatzierte Männerhand auf einem Frauenknie oder die plumpe Annäherung eines Arbeitskollegen verdiene jedoch nicht unbedingt eine moralische oder juristische Verurteilung, sondern allenfalls eine Ohrfeige, finden manche.

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Männliche Zudringlichkeit und Überheblichkeit wird nach Ansicht vieler Französinnen und Franzosen eher durch Erziehung als durchs Gesetz verändert. Das Schulministerium unternahm wiederholt Vorstöße durch Lernprogramme gegen Geschlechterrollen schon in der Grundschule, musste sie aber teilweise wegen Protests aus katholisch-konservativen Kreisen wieder zurücknehmen.

Die Gender-Theorien über geschlechtsspezifische Verhaltensmuster kamen spät nach Frankreich und stoßen oft auf Widerstand. Sie stehen im Verdacht, das Geschlechterverhältnis, das man im Land immer gern auch als Gesellschaftsspiel sieht, allzu schicksalsbedingt zu machen. Lieber versteht man das gesteigerte Selbstbewusstsein im weiblichen Auftreten als das, was die Familiensoziologin Irène Théry eine neue "Geschlechterzivilisation" nennt: Ausgewogenheit des Verschiedenen statt Gleichmacherei.

Oder man träumt wie die Schriftstellerin Belinda Cannone von den noch fernen Tagen, wo die weibliche Annäherung an die Männer ebenso selbstverständlich forsch daherkommen wird, wie es heute umgekehrt der Fall ist. Und was sagen die französischen Männer dazu? Die intellektuellen Wortführer sind seit dem Herbst erstaunlich still, schlucken bei den sich häufenden Klagen von Frauen wegen vergangener Belästigungen in Gewerkschaften und politischen Parteien und nicken eifrig mit zur Warnung: Jetzt aber keine neue Prüderie!

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