Der "S-Walk"

Sheila Kelly; Riva Verlag

Im Flug um die Stange: Sieht kinderleicht aus, erfordert aber Muskelkraft und Körperbeherrschung. (© Foto: Riva Verlag)

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Mittlerweile hat sich Sheila von der Matte erhoben und beginnt langsam über die silberne Bühne zu schreiten. Michael Jackson machte den Moon-Walk berühmt, Sheila Kelly will den "S-Walk" perfektionieren - den Pfeiler ihrer sportlichen Erotik.

Ganz langsam gehen wir, ein Bein kreuzt das andere, die Zehenspitzen schleifen beim Schwung nach vorn sacht über den Boden, wir fallen in die Hüfte, machen ein Hohlkreuz, Brust und Po heraus - da ist es, das "S" .

Bei Sheila ist es ein großes, geschwungenes; meins zählt eher zum Kleingedruckten. Und dennoch vernehme ich: "Good girl! Oh, you're awesome!" Amerikaner müssen ein Cheerleader-Gen besitzen, sie wollen einem immer Mut machen.

Die Muskeln beginnen zu brennen, die betont langsamen Bewegungen in der Aufwärmphase wirken. Dabei muss ich mir permament einreden, dass ich wenigstens halb so sexy aussehe wie mein prominentes Gegenüber.

Im Feuerflug

Jetzt geht es an die Stange. Sheila setzt zum "Feuerflug" an: Sie umfasst mit beiden Händen weit oben die Stange, hakt die Rückseite ihres linken Fußgelenks an der Tanzstange ein, hält die Zehenspitzen gestreckt. Mit dem rechten Fuß stößt sie sich kräftig vom Boden ab und lässt den Körper in einer schnellen Bewegung im Uhrzeigersinn um die Stange sausen. Sie zieht den rechten Fuß nach, wirft die Haare in den Nacken - und hat offensichtlich großen Spaß dabei.

Ihr Mann fände das übrigens auch ganz toll, erzählt sie, zumindest das Zuschauen. Er stehe zu ihrer expressiven Leidenschaft. Deshalb gönnt sie ihm hin und wieder eine Showeinlage - an der Stange, die sie in seinem Büro montiert hat.

Blaue Flecken sind ein unvermeidbarer Nebeneffekt dieser ambitionierten Übungen am Eisen. In ihrem Workout-Buch empfiehlt Sheila Arnikasalbe für das schmerzende Gewebe. Und verspricht, dass sich mit der Zeit Gewöhnung einstellt und die Schmerzen vergehen.

Ich nehme sie beim Wort, als ich zu meinem ersten Flugversuch ansetze. Beim dritten Mal stimmt die Koordination und es macht wirklich Spaß. Es ist ein bisschen wie damals beim Kinderturnen - mit veränderter Konnotation.

Die Bardame hat nur Justin Timberlake vom Band als Begleitung zu bieten. Dann lieber gar keine Musik, sagt Sheila. Zur ihrem Workout gehört nicht irgendein Soundtrack: Genüsslich langsam bewegt sie sich am liebsten zu Ryan Adams und Nick Cave. Mit mehr Tempo turnt sie zu Eminem und The Whites Stripes.

Mit einem letzten Feuerflug endet das Training, ich spüre jetzt jede Faser meines Körpers. Sexy wie ein S fühle ich mich zwar nicht, aber auch nicht mehr steif wie ein Brett.

Sheila Kelly: Pole Dancing für jede Frau. Riva Verlag 2008, 19,90 Euro.

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(sueddeutsche.de/bilu)