Von Jürgen Schmieder

Nur noch ein paar Pfunde und das Ziel ist erreicht. Grauenhaft, wenn man so kurz vor dem Ziel steht und einem die nackte Angst vor Essbarem im Nacken sitzt.

Heute, liebe Leser, habe ich einen Frage an Sie: Kennen Sie diesen Moment absoluter Panik, wenn Sie kurz davor sind, ein großes Ziel zu erreichen? Atemlosigkeit, Schweißausbrüche, Handwackeln - nein? Dann klicken Sie schnell zurück und lesen etwas anderes! Sie führen ein glückliches Leben und müssen nichts von den verrückten Ideen manisch-paranoider Menschen erfahren. Sie sind noch da? Okay, letzte Warnung.

Panik und Paranoia - kurz vor dem Ziel. Nicht im Bild: ich. (© Foto: dpa)

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So, da die nervösen Hibbel nun unter sich sind, können wir frei sprechen. Sie gehören auch zu den Menschen, die vor dem Abitur nicht schlafen konnten und dann am Morgen drei Dosen Red Bull in sich schütten mussten, um während der Prüfung nicht einzuschlafen. Oder vor der Trauung in der Kirche eine Panikattacke bekamen, weil die Frau nicht pünktlich erschien - die Tatsache, dass sich der Trauzeuge mit dem Auto überschlagen hatte, interessierte in dieser Sekunde nur am Rande.

Warum? Weil man kurz vor dem Ziel steht. Und einem die nackte Angst im Nacken sitzt.

So geht es mir in dieser Woche: Nur noch ein paar Pfunde und ich habe genug abgenommen, um mich wieder wohl zu fühlen. Um beim Fußball wieder bei den Shirtlosen spielen zu dürfen. Um Fotos für meine Enkel machen zu können, bei denen sie später einmal sagen: "Hey, Opa sah damals granatenstark aus und war ein wahnsinnig cooler Typ!" Um nie mehr von Kollegen hören zu müssen: "Wie kann ein Dickerchen wie du so eine hinreißende Frau bekommen?"

Nur leide ich nun unter Verfolgungswahn. Ich meine, nur weil ich paranoid bin, bedeutet das noch lange nicht, dass ich nicht verfolgt werde. Aber die vergangenen sieben Tage war ich doch nervöser als damals vor dem Tanzkurs-Abschlussball. Das gipfelte in ziemlich unangenehmen Szenen - beruflich wie privat.

Dem Kollegen vom Produktmanagement versichere ich, dass er in der Hölle schmoren wird - nur weil er mir in der Mittagspause einen Schokoriegel anbietet. Nach dem Satz einer Kollegin "Du bist nicht mehr dick, nur untergroß" zuckt mein rechtes Auge. Ich bin sogar versucht, die Ideen aus dem Buch "Die Potenz-Diät" zu probieren, das mir der liebe Kollege aus dem Panorama-Ressort anbietet. Soll ja alles helfen.

Daheim verstecke ich Süßigkeiten, die ich selbst gekauft habe. Ich schließe die Rollläden, um meinen Nachbarn nicht beim Essen zusehen zu müssen. Ich schlage die Einladung meiner Freunde aus, die Fernsehsendung "Das perfekte Dinner" nachzustellen. Mein Verfolgungswahn geht so weit, dass sich meine Frau nicht einmal mehr Gummibärchen zu naschen traut.

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