Médoc-Marathon Stark im Abgang

Kilometer 10. Gerade laufen die "wilden Hühner" im Innenhof des Château de Beychevelle ein. In ihrer ostwestfalischen Heimat heißen sie eigentlich Laufgemeinschaft LC Solbad Ravensberg.

Laufen und saufen

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Für den Médoc-Marathon jedoch hat sich die 53-köpfige Gruppe auf Betreiben der weiblichen Mitglieder Flokati-Kappen mit Hahnenfuß-Ohren und Filzschnäbeln geschneidert. Dazu schwarz-rot-goldene Tüllröcke über die vom Schweißfluss verblassten Nylon-Leggins - fertig ist das wilde Huhn.

Als sie angeführt von ihrem ersten Vorsitzenden Siegfried Boschulte an der Degustationsstation einfallen, herrscht berstender Frohsinn. Monatelang haben sie auf diesen Tag hin trainiert und dabei sogar Weinverkostungen in ihren Trainingsplan integriert. Nun gehen sie in die Vollen.

Nur Phillippe Blanc, der Winemaker des gastgebenden Château Beychevelle, ist sauer. Nicht etwa auf die wilden Hühner, die verhalten sich tadellos. Aber die beiden Marienkäfer am anderen Ende des Probiertresens spielen falsch. "Sie betrügen", bemerkt Blanc, "Sehen Sie's?"

Zusammenbrechen, weil es Spaß macht

Wir nehmen die Marienkäfer ins Visier. Auf den ersten Blick ist ihnen kein Fehlverhalten anzuhängen: sie feixen, klopfen sich auf die Schulter und kippen den Rotwein hinunter als wäre es Fanta. Alles ganz normal. Für einen Moment scheint Blanc meine Ratlosigkeit auszukosten, dann lüftet er das Geheimnis: "Die laufen gar nicht, sondern trinken nur", ätzt er und deutet mit dem Finger auf die beiden. "Sehen Sie, ihre Kleidung ist trocken, kein Tropfen Schweiß. Solche Leute kenne ich. Die können wir hier nicht brauchen, da hört der Spaß auf."

Spaß. Darum geht es beim Médoc-Marathon, es ist gewissermaßen Mantra und Katharsis der als verbissen und autistisch verschrieenen Jogger-Community. Wenn erwachsene Männer sich Plastikbrüste und Mieder umschnüren oder in selbstgebastelter Ritterrüstung fast 50 Kilometer über bockharten Asphalt laufen, sich dabei im günstigsten Falle wunde Brustwarzen ("Jogger's nipple"), aufgescheuerte Oberschenkel und Fußpilz holen oder - im schlimmeren Falle - dehydriert und mit Muskelkrämpfen zusammenbrechen, dann einzig und allein weil es Spaß macht.

Jetzt wird es aber langsam Zeit für ein Gläschen Château Beychevelle. 60 Prozent Cabernet, 30 Prozent Merlot, 10 Prozent Cabernet Franc, sagt Monsieur Blanc. Sechs Monate im Barrique ausgebaut, der Struktur wegen. Fruchtig, nicht zu schwer. Gar nicht schlecht.

Kilometer 16. Sechs Kilometer später vor dem Château Belgrave. Die Trommelschläge der Kapelle mischen sich mit dem Gejohle der aufgekratzten Läufer. Ein Indianer tanzt mit hochgerissenen Armen vor der Band, eine weitere Rothaut gesellt sich zu ihm. Fotoapparate klicken. Unvergessliche Momente werden zu unbezahlbaren Motiven; werden zu Hochglanzabzügen, die dann, mit Bildunterschriften wie "Ich und Sigi als Indianer im Weinschloss" versehen, im heimischen Fotoalbum landen und Vaters Selbstwahrnehmung des trinkfesten Haudegens auf ewig zementieren.

Noch bevor die Indianer die Chance erhalten, die Veranstaltung ins Woodstockhafte abdriften zu lassen, entert eine Horde Wikinger den Garten. Fast 30 Stück sind es, die mit Kampfgeheul, ein 500 Kilogramm schweres Holz-Schiff vor sich her schiebend, sogleich Kurs auf den Wein nehmen. Wie in einer Zeitraffer-Aufnahme leert sich der Probiertresen. Man sollte sich also besser noch ein Gläschen sichern, denn am Horizont zeichnen sich bereits die Flokati-Köpfe der wilden Hühner über den Weinreben ab. Und deren Durst ist legendär.

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