Früher war es unter Ärzten üblich, sich schnell mal gegenseitig zu helfen. Diese Zeiten sind vorbei. Das neue Reizwort heißt "Vernichtungsschmerz".
In der Not halten die Menschen zusammen. Das ist eine alte Volksweisheit, angeblich richten sich sogar viele Tiere danach, wie die herzerwärmende Geschichte von den Igeln zeigt. Wenn es kalt wird, so die Legende, rücken die Tiere zusammen, um sich zu wärmen. Igel müssen aber nicht nur beim Küssen, sondern auch wenn sie sich aus thermischen Gründen nahe kommen, ganz ganz behutsam sein. Es ist schwer für sie, den optimalen Abstand zu ermitteln - wegen Stacheln. Deshalb sind die Igel in der Geschichte auch wieder etwas auseinandergerückt, sodass sie sich nicht zu arg pieksten, aber dennoch gegenseitig ein wenig Körperwärme spendeten.
"Du sollst nicht foltern!" Diese Maxime hat nicht jeder Arzt verinnerlicht. (© Foto: iStockphotos)
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Wahrscheinlich ist an dieser putzigen Überlieferung aber nichts dran, denn Igel sind Winterschläfer. Deshalb ist es vermutlich erst recht vermessen, den Hang der Tiere zur Nachbarschaftshilfe als anthropologische Konstante zu preisen, denn der Mensch ist dem Menschen eher ein Wolf und nur selten ein Igel, womit wir bei den Ärzten wären.
Ärzte befinden sich derzeit bekanntlich in größter Not, wie sie es das ganze Jahr über chronisch kundtun. Die Patienten sind mal ungezogen, mal ungewaschen, die Politiker unverschämt, und verdient haben Ärzte schon immer zu wenig. Die gefühlte 37. Honorarreform versteht keiner von ihnen, und der Gesundheitsfonds taugt nicht mal für die Suppe. Da ist es kaum ein Trost für sie, dass Ulla Schmidt abgewählt wurde. Wie arm die Ärzte derzeit dran sind, zeigt auch das Schicksal des Arztes Dr. K., eines Studienfreundes, der in der Not nicht auf die Hilfe seiner Kollegen zählen konnte.
Kürzlich saß ich auf seinem gelben Sofa. Er sah jämmerlich aus, hatte furchtbare Schmerzen und hielt sich die Wärmflasche abwechselnd auf Bauch und Lende. Dem Ärmsten waren Nierensteine entfernt worden. Um die Beschwerden bei Nieren- und Harnleiterkoliken zu beschreiben, gibt es in der Ärztesprache den Begriff Vernichtungsschmerz. Jeder fühlende Mensch ahnt, was das bedeutet - man fühlt sich ausgeliefert, hilflos, hat Todesangst und sieht sich der physischen Vernichtung nahe.
"Sind Sie privatversichert?"
Interpretiert man den Hippokratischen Eid frei, kann man den Grundsatz "Du sollst nicht foltern", dort finden. Kollege Dr. K. fühlte sich schlimmsten Torturen ausgesetzt, nachdem ihm die Nierensteine entfernt worden waren. Die Urologin hatte ihm vorher gesagt, wenn er morgens zu dem kleinen Eingriff kommen würde, könnte er die Klinik mittags wieder verlassen. Er bräuchte nicht mal eine Zahnbürste mitzubringen. Er hat sich dann ziemlich lange nicht die Zähne putzen können - und bis heute schmerzt sein Urogenitaltrakt, als ob jemand mit Messern darin herumrühren würde.
Vier Tage nach dem ruppigen Eingriff war Dr. K. wieder seinem Beruf nachgegangen - er arbeitet in derselben Klinik, in der ihm die Steine entfernt worden waren. Nach wenigen Stunden ließen sich die Schmerzen nicht mehr aushalten. Er rief in der Urologie an, ob er kurz hinunterkommen könnte. "Sind Sie privatversichert?", fragte ihn der diensthabende Arzt. Als er verneinte, aber auf seine Schmerzen hinwies, sagte ihm der Urologe, dass es in ein paar Tagen passen würde. Dr. K. versorgte sich selbst mit Schmerzmitteln, ging nach Hause, legte sich ins Bett und dachte an die Solidarität unter Igeln.
Zwei Tage später war er wieder bei der Arbeit, aber die Schmerzen übermannten ihn erneut. Diesmal ging er - im weißen Kittel - direkt in die urologische Ambulanz und bat einen Arzt, kurz den Ultraschallkopf auf seine malträtierte Lende zu halten. Früher war es unter Ärzten üblich, sich schnell, unkompliziert und oft sogar unentgeltlich zu helfen. Der Arzt sagte nur: "Sie haben keine Kleber auf Ihrer Karte und müssen sich erst anmelden." Der Vernichtungsschmerz, der Dr. K. durchfuhr, war unermesslich.
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(SZ vom 02.10.2009/aro/vs)
Partyzone Flußufer
wieso läßt er sich bei solch üblen schmerzen abwimmeln?
da würd ich einfach nicht mehr von der seite des arztes weichen und ihn nötigen, mich zu behandeln. sind ärzte nicht zum helfen in körperlichen notfällen da und beschweren sich immer, daß sie diesen eigentlichen zewck ihres tuns wegen des gesundheitssystems nicht mehr ausführen können?
hier war die gelegenheit, einr richtiger arzt zu sein, zum greifen nahe.
der einfachste Weg krank zu werden ist es zum Arzt zu gehen.
Wenn man es ganz dicke haben will, liefert man sich in ein Krankenhaus ein... angefangen von resistenten Keimen, falscher und versehentlicher Medikation bis hin zu arroganten und ignoranten Medizinern ist da alles geboten.... glücklich der, der da wieder lebend raus kommt.
Dieser Beitrag spricht mir aus der Seele, denn das beschriebene Szenario ist realitätsnah. Wenn der arme Mensch nun länger an seinen Schmerzen leidet (so in vier Wochen nach OP) gilt er dann eh als Simulant und/oder psychisch krank. Er kann sich als Arzt noch selbst helfen, viele andere sind vollkommen davon abhängig, an welchen Arzt sie geraten und wie dieser sie beurteilt. Den Aspekt, wie der Schmerzkranke sich nach der beschriebenen Behandlung fühlt, könnten Sie ruhig noch einwenig ausarbeiten. Schmerzpsychologisch wird aus den von ihm erfahrenen Komplikationen dann schnell eine Kränkung mit Depressionshintergrund. Am besten lenkt er sich von seinem Vernichtungsschmerz mit schönen Gedanken, Sport und Entspannungsübungen ab, so die Meinung der Schmerzspezialisten.
der Beitrag ein gutes Beispiel für den Wandel im Gesundheitswesen: im Mittelpunkt steht der vulgäre Broffit und nicht mehr der kranke Mensch, auch wenn es sich dabei um einen Kollegen handelt.
Aber vielleicht bringen die Ärzte die Menschen ja dazu, zwischen Patient und dem Zynismus "Konsument medizinischer Leistungen" zu unterscheiden; "Krebskonsument" in die Krankenakte einzutragen wäre vielleicht ein Anfang.
und leider nicht mehr. Ich verweise auf meine vorherigen Beiträge.
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