Zeitschriften, die keiner liest, Plakate, die niemanden interessieren und Verzögerungen, die keiner versteht: Wartezimmer sind die Zwischenräume moderner Gesellschaften.
Das Leben ist ein Wartezimmer. Man weiß nicht, wann man dran kommt. Man weiß nicht, ob man richtig ist. Man weiß nicht, was die anderen Menschen hier wollen und man weiß schon gar nicht, warum alle Stühle außerhalb der eigenen Behausung so unbequem sein müssen. Immerhin sind die meisten Wartezimmer ausreichend geheizt.
Bild vergrößern
Weder richtig krank, noch richtig gesund: Die Menschen, die Wartezimmer bevölkern, befinden sich in einem eigenartigen Schwebezustand. (© Foto: AP)
Anzeige
Das entschädigt aber nicht für die fehlgeleitete Informationsflut, die auf den unschuldigen Patienten im Wartezimmer einströmt. Im Wartezimmer ist man immer im falschen Programm. Kein Mensch liest Focus Money, wahrscheinlich lesen das nicht mal Ärzte, aber in jedem Wartezimmer liegt das Heft herum.
Kein Mensch versteht die Gesundheitsreform, aber in jedem Wartezimmer hängen Plakate, auf denen erklärt wird, wieso die derzeitige Gesundheitsreform die Ärzte besonders benachteiligt. Im Wartezimmer sitzen aber keine Ärzte, sondern Patienten. Patienten wollen so etwas nicht wissen. Genausowenig, wie sie über Hautkrankheiten, Sportverletzungen oder das Modell des "begehbaren Darms" aufgeklärt werden wollen.
Niemand, den ich kenne, besitzt ein Aquarium. Trotzdem stehen besonders in den Praxen von Orthopäden unter hässlichen Aquarellen Glaswannen mit dumm glotzenden Zierfischen.
Wartezimmer sind ungerecht. Immer hat man das Gefühl, dass andere vor einem drankommen. Einige Patienten sitzen sogar in einer Extra Lounge wie der "Frequent Traveller" auf dem Flughafen und fühlen sich als Kranke erster Klasse. Wahrscheinlich verteilen manche Ärzte Bonusheftchen für "Spritzen&more". Auch wenn keiner vorgezogen wird, gilt im Wartezimmer das Prinzip: Für neun Uhr bestellt, um elf Uhr drangekommen.
Ein Grund für die Verzögerung im Wartezimmer ist nie zu erkennen. Kein Notfall wird eingeliefert, kein Besuch eines Pharmavertreters, nichts. Wahrscheinlich soll man im Wartezimmer Ruhe finden, sich besinnen. Es gilt das Gleiche wie in Kafkas Prosastück "Vor dem Gesetz": Theoretisch ist es zwar möglich, Einlass zu bekommen, aber nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt, sagt der Türhüter dem Mann vom Lande. So ähnlich reden auch Sprechstundenhilfen. In Kafkas Text stirbt der Mann, der Einlass begehrt, irgendwann. Im Wartezimmer passiert das selten, da meist ein Arzt in der Nähe ist.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
- Thema
- Medizin und Wahnsinn RSS
- Medizin und Wahnsinn (70) Schläfst du schon, Schatz? 13.03.2009
- Medizin und Wahnsinn (129) Dickbauch zum Runterladen 15.05.2010
- Medizin und Wahnsinn (128) Das Jaulen der Mediziner 08.05.2010
- Medizin und Wahnsinn (124) Für eine bessere Welt 11.04.2010
- Medizin und Wahnsinn (123) Anden-Kresse für alle 28.03.2010
- Medizin und Wahnsinn (122) Die Minus-L-Variante 21.03.2010
- Medizin und Wahnsinn (121) Geborgen in der Markenpraxis 14.03.2010
Bundespräsident Gauck in Israel