Von Werner Bartens

Geld abknöpfen, wo es nur geht - dies gilt auch im medizinischen Bereich: Ärzte und Krankenhäuser bieten immer öfter fragwürdige Leistungen an.

Manche Ärzte beweisen ein erstaunliches Geschick darin, ihre Patienten zu brüskieren. Sie sagen ihnen gleich nach der Begrüßung, wie wenig sie an ihnen verdienen. Aus therapeutischer Sicht ist das nicht klug: Die Patienten schrauben sofort ihre Erwartungen herunter, wenn sie erfahren, dass der Augenarzt lediglich 16,72 Euro Honorar für sie bekommt und der Internist auch nur 35,38 Euro. (Die Werte schwanken je nach Facharztrichtung, Quartal und Bundesland geringfügig.)

Röntgenbild vom Kopf; ap

Gewinnmaximierung im medizischen Sektor treibt seltsame Blüten: Vielleicht müssen Patienten in Zukunft für Röntgenbilder oder die geliehene Blumenvase im Krankenhaus zahlen. (© Foto: ap)

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Den Genesungsprozess fördert das nicht, aber vielleicht sitzt den Patienten die Geldbörse lockerer. Viele Ärzte bessern schließlich ihr Honorar auf, indem sie Kranken fragwürdige "individuelle Gesundheitsleistungen" (IGeL) gegen Bares anbieten. Hilfreich für Patienten sind die meisten IGeL nicht, aber lukrativ für die Ärzte.

Ein anderes Geschäftsmodell wird aus einer Kurklinik in Norddeutschland berichtet, sagen wir aus dem niedersächsischen Bad Pyrmont. Der Leiter der dortigen Reha-Einrichtung begrüßte die neuen Kurgäste zunächst damit, dass er nur etwa 2600 Euro bekommen würde, um ihren dreiwöchigen Aufenthalt zu finanzieren.

Das ist wirklich nicht viel und reicht wahrscheinlich gerade, um täglich den Fango warm zu machen. Welches Minimalprogramm in den Bereichen Pflege, Betreuung, Physiotherapie und für viele andere Anwendungen mit dieser Summe noch möglich ist, mag man sich lieber nicht vorstellen.

Aber vielleicht verfügt die Klinik ja über andere Reserven, um die Gebrechlichen und Maladen auf ihrem Weg zur Heilung nach Kräften zu unterstützen. Der Leiter erklärte den verdutzten Kurgästen jedenfalls am ersten Tag, dass von ihnen auch ein kleiner Beitrag zur Finanzierung des Hauses erwartet werde, vielmehr von ihren Angehörigen.

Von außerhalb in der Klinik anrufen könne man nämlich nur über eine kostenpflichtige 0180-Nummer und das käme teuer. Der Leiter der Kurklinik wählte eine etwas andere Formulierung, um sein unmoralisches Ansinnen zu begründen - die Telefonanlage sei kostspielig gewesen und müsse auf diese Weise amortisiert werden.

Wahrscheinlich haben daraufhin etliche Kurgäste ihre Angehörigen angefleht, öfter anzurufen, damit sie wenigstens auf diese Weise mit ein paar Anwendungen Wassergymnastik oder einer Stunde Bewegungstherapie rechnen können. Sprechende Medizin kann eben doch dazu beitragen, Kosten einzusparen.

Von einigen Zeitungen und Magazinen ist durchgesickert, dass sie dieses Geschäftsmodell auch diskutieren und überlegen, in Zukunft jedem Leserbriefschreiber eine Gebühr abhängig von der Länge seiner Einlassungen abzuknöpfen - bei Veröffentlichung und im Fall von besonders perfiden Beschimpfungen steigt natürlich der Preis.

Die Medizin ist bereits auf dem besten Wege, Geld aus allen menschlichen Notlagen abzuschöpfen. Parkplatzgebühren, Telefon- und Fernsehkarten für Krankenhäuser sind bereits vielerorts maßlos überteuert. Die weitere Entwicklung ist absehbar: In Zukunft wird Bettwäsche extra berechnet und die Toilettenbenutzung nach dem Vorbild der Sanitärzentralen in Bahnhöfen. Eine Ausleihgebühr für Blumenvasen sollte sich ebenfalls für die Betreiber rechnen.

Es ist noch ein Tabu, aber erste Kaufmännische Direktoren in Krankenhäusern diskutieren mit ihren Controllern bereits über Röntgengeräte und Computertomographen mit Münzeinwurf, wobei ein Schlitz für Scheine passender wäre.

Selbstbedienungs-Solarien haben hier Vorbildcharakter. Ist die Röntgenaufnahme noch nicht fertig, müsste allerdings ein Angehöriger bereitstehen, um nachzulösen. Der Kranke kann das ja dummerweise nicht selbst erledigen, sonst verwackelt die Aufnahme. Wer größere Körperregionen durchleuchten lassen will, sollte gleich die Kreditkarte mitnehmen.

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(SZ vom 13.02.2010/dog/pfau)