Medizin und Wahnsinn (109) Leiden der Hellseher

Lichtirritationen und Sehschwäche könnten die eigentlichen Ursachen für Hellseherei sein - Wahrsager würden wohl widersprechen.

Von Werner Bartens

Sie sind kurzsichtig oder weitsichtig, leiden an verkrümmter Hornhaut, Schlieren im Glaskörper, Nachtblindheit oder Rot-Grün-Schwäche. Mit den Augen ist es mittlerweile wie in der Schule, wo es keine normalen Schüler, sondern nur noch Schwerbegabte oder Teilleistungsexperten mit individuellem Förderbedarf gibt. Kaum einer hat noch einen ungetrübten Blick ohne Refraktionsanomalie. Ein Leser berichtet gar von einem weniger bekannten Augenleiden. "Meine Frau ist hellsichtig", schreibt er.

Hellsichtigkeit wird unterschätzt. In der dunklen Jahreszeit fühlen sich viele Menschen von Autos geblendet oder klagen über sternförmige Lichtirritationen in der Fußgängerzone. Der Streit, ob Schummerbeleuchtung oder eher Scheinwerfer und grelle Spots abends das Wohnzimmer illuminieren, hat schon viele Ehen zerrüttet. Es soll sogar hellsichtige Arbeitgeber geben, die ihren Angestellten aus gegebenem Anlass - gemeint ist wohl die Adventszeit - den Gebrauch von offenem Feuer - gemeint sind wohl Kerzen - untersagen. Es ist so kalt geworden in dieser Welt.

Der Mann der hellsichtigen Frau beschreibt aber nicht nur ihre Sehschwäche. Die Gattin hat mehrere Symptome. "Wenn sie von Menschen um Rat gefragt wird, sieht sie Bilder oder Filme ablaufen", schreibt der Leser. Das ist nicht weiter beunruhigend, viele Film- und Kunstkritiker sind so zu ihrem Job gekommen. Die Frau des Lesers sieht "Ursachen", "Lösungsmöglichkeiten" und "Heilungsmöglichkeiten". Die Hellsichtigkeit ist offenbar nicht nur auf die Gesundheit beschränkt. Die Frau des Lesers, so sagt es ihr Mann, "kann auch Lösungen oder Ursachen sehen, wenn sie zu technischen Dingen, wie Autos oder Patentanmeldungen befragt wird."

Heiler für das Patentamt

Beim TÜV, in einem Kfz-Meisterbetrieb oder beim Patentamt hätte man sicher Verwendung für solche Talente. Aber nein, die Frau versteht sich als "Heilerin", seit ihr bewusst wurde, "dass meine Berufung keine Bürotätigkeit mehr ist". Hier muss mal was klargestellt werden: Viele Büronomaden fühlen eine Berufung zu Höherem. Aber nur, weil man mal in einen Indianer verliebt war oder mit der portugiesischen Putzfrau gekifft hat, muss man sich doch nicht gleich für heilkundig halten.

Ärzten wird oft unterstellt, dass sie eindimensionale Einser-Abiturienten sind. Ein schlechtes Abitur macht aber noch keinen guten Arzt aus. Für Heilpraktiker und Heiler scheint hingegen ein abgebrochenes Studium oder die verkrachte Schullaufbahn (Auflehnung gegen Autoritäten!) ein Gütesiegel zu sein. Ein Unfall, ein Partner, der Reißaus genommen hat - das wird später oft zum wichtigen Wendepunkt verklärt - experimentelle Erfahrung mit halluzinogenen Pflanzenextrakten und Rechtschreibschwäche werden als weitere Risikofaktoren für die Entwicklung zum Heiler oder Heilpraktiker diskutiert.

Preislose Homöopathen

Man fragt sich, warum Hellseher nie Lottogewinne abräumen - und warum Homöopathen noch nicht die eine Million Dollar kassiert haben, die als Preissumme auf den Wirkungsnachweis ausgeschrieben sind. Vermutlich ist Hellsichtigkeit mit Sehschwäche für Zahlen kombiniert, und die Kügelchendreher sind noch mit der Suche nach der unverdünnbaren Verdünnung beschäftigt.

Die Heilerin betrachtet sich übrigens "als Bodenpersonal der geistigen Welt". Ich dachte immer, dieser Job sei längst an alte Männer mit langen Umhängen vergeben. Die hellsichtige Dame bietet als Zusatzleistung an, "geschwächte Organe" zu sehen und die "energetische Hausreinigung" zu übernehmen. So eine Putzaktion kann in der stressigen Vorweihnachtszeit sehr hilfreich sein, damit geschwächte Organe endlich mal zur Ruhe kommen.

Eine Auswahl der Kolumnen ist bei Droemer erschienen: "Medizin und Wahnsinn. Geschichten vom gelben Sofa" .