Von Werner Bartens

Wenn die Organe nicht schweigen, sondern den Menschen quälen, hilft nur eines: eine Krankenschwester. Und zwar am besten eine eigene!

Große Themen werden heute gewälzt. Die Zeitung tagt und debattiert über die große Koalition und über große Geschäfte in kleinen Fürstentümern. Da ereilt den Feuilletonisten eine metaphysische Zerrung. Sein Denkmuskel verkrampft plötzlich und er versteift sich auf das große Ganze - er will nur noch über Geld und Glück reden und zwar über die großen kultur- und ideengeschichtlichen Strömungen.

Krankenschwester; iStockphotos

Was ist dran am Klischee von der betörenden Krankenschwester? (© Foto: iStockphotos)

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Ihn stört das fortwährend wiederholte Klischee, wonach Reichtum angeblich nicht glücklich mache. Vielleicht könne eine größere Summe ja doch ein paar Glückshormone zum Tanzen bringen. Zudem warnt er: Vergesst mir Bangladesch nicht.

Der Wirtschaftsredakteur redet längst vom Geld der Anderen, dem schwachen Dollar und dem hohen Ölpreis; sieht dabei aber auch nicht glücklich aus. Der Kollege aus der Wissenschaft murmelt etwas von neuesten Erkenntnissen der Glücksforschung. Jetzt tritt der Großkritiker auf den Plan, der aus Faulheit so genannt wird, weil es viel zu mühsam wäre, alle seine großen und kleinen Verdienste im Detail aufzuführen.

Während er normalerweise von kulturellen Großtaten berichtet, etwa wie er Eugen Roth seine Badehose lieh oder mit Golo Mann auf Schlotterknien durch den Schnee spazierte (oder war es umgekehrt?), so wird der Großkritiker diesmal noch persönlicher als sonst. "Glück kann auch bedeuten, im Alter genügend Geld zu besitzen, um sich eine Krankenschwester leisten zu können", sagte er und schaut dabei sehnsüchtig und verletzlich aus. Einige Zuhörer, die man angesichts solch überaus zarter Erwägungen nur als roh bezeichnen kann, sie lachen.

Blühende Männerphantasien

Dabei hat der Mann recht. Als "Schweigen der Organe" hat ein französischer Arzt einmal das Glück der Gesundheit bezeichnet. Krankenschwestern können sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, die Organe eine Weile auf stumm zu stellen. Vielleicht spielt dabei auch eine Rolle, dass - wie britische Forscher entdeckt haben - in Männerphantasien von Frauen in Uniformen die Krankenschwester dominiert. Abgeschlagen folgen Dienstmädchen, Stewardessen, Geschäftsfrauen und auf dem letzten Platz Politessen. Wahrscheinlich, weil es ebenso unglücklich wie unerotisch macht, Strafzettel zu verteilen.

Während unklar bleibt, ob Bangladesch in den Fluten des Ganges oder im Unglück versinkt, möchte der Feuilletonist erneut auf die Wissenschaft zu sprechen kommen. Diese Gelassenheit, wie sie manchen Feuilletonisten und Großkritikern eigen ist, könne auch auf die beruhigende Gewissheit zurückzuführen sein, sich bei Bedarf einen kompletten Pflegedienst leisten zu können. Der Kollege aus der Online-Redaktion knackt gerade einen Glückskeks und jammert sich später auf dem gelben Sofa aus.

Die Forschung? Es gibt zwar diese Studien zu Lottogewinnern und Querschnittsgelähmten, die zeigen, dass Betroffene ein Jahr nach dem Geldregen wie auch ein Jahr nach ihrem Unfall wieder so unglücklich oder glücklich sind wie zuvor. Das glaubt aber niemand, jedenfalls niemand aus dem Feuilleton.

Zum Glück naht an so einem Tag Rettung von der Universität Mainz. Die Erkenntnis einer Forschergruppe dort lautet: Überschuldete Menschen sind häufiger krank. Die Wissenschaftler wollen es aber nicht bei ihrer Analyse belassen. Sie fordern dringend Präventionsprogramme. Das kann nur bedeuten, dass endlich umgesetzt wird, was Aktionsbündnisse wie die "Glücklichen Arbeitslosen" schon lange einklagen: Mehr Geld für alle. Aus medizinischer Sicht muss man hinzufügen: Mehr Krankenschwestern für alle. Das wäre ein großer Wurf.

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(SZ vom 8./9.3.2008)