Manche Leiden lassen sich leichter erdulden, wenn man sie im literarischen oder naturgeschichtlichen Zusammenhang betrachtet.
Manche Menschen können nicht krank sein, ohne ihre Beschwerden in große Zusammenhänge zu stellen. Sie brauchen nicht Gesellschaft, aber doch Leidensbrüder und -schwestern im Geiste.
Geteiltes Leid: Wenn doch nur Goethe Leidensbruder im Geiste wäre ... (© Foto: AP)
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Wer sich für empfindsam, intellektuell oder gar beides hält, ist oftmals der Heilung schon einen großen Schritt nähergekommen, wenn er seine Zipperlein kulturell, politisch oder naturgeschichtlich geadelt sieht.
Wie viel besser fühlt sich etwa ein Sodbrennen an, wenn man weiß, dass der ebenso grantige wie abstrakte Künstler auch ständig daran litt. Und der verdorbene Magen des Literaturfreundes beruhigt sich erheblich schneller, wenn er in Briefen aus dem Nachlass die Mitteilung findet: "Hier kotzte Goethe."
Andere Leidenskünstler wollen sich wenigstens evolutionsgeschichtlich verortet sehen, wenn die Bronchien kratzen oder der Darm drückt. Kürzlich kam ein Kollege auf mein gelbes Sofa, der sich angeblich Zug geholt hatte und über einen steifen Nacken klagte. Als er hörte, dass der Dornfortsatz des siebten Halswirbels beim amerikanischen Bison bis zu 90 Zentimeter lang werden kann, weil der mächtige Kopf daran aufgehängt ist, ging es ihm schon bedeutend besser, und er setzte sich gleich aufrechter hin.
Degradierte Taubeneier und Saarländer
Er begann gar über die Trinkgewohnheiten der Giraffe zu dozieren, die über genauso wenig Halswirbel verfügt wie der Mensch. Darüber hatte er seine Beschwerden schon fast wieder vergessen.
Schwieriger gestaltete sich der Fall des Synonym-Experten. Er war ständig auf der Suche nach Wörtern mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung. Neuerdings litt er unter unklarem Ganzkörperschmerz. Zudem machte es ihm zu schaffen, dass manche Dinge auf der Welt nur als Vergleichsgröße ihre Existenzberechtigung erhielten. Wann ist je von Taubeneiern die Rede - außer im Fall angeberisch großer Hagelkörner?
Ein ähnliches Schicksal wie das Taubenei hat das Saarland zu erdulden. Früher war es von gewissem Interesse als Heimat großer Staatsmänner. Jetzt wird außerhalb des Saarlandes über das Saarland nur in Sätzen gesprochen wie "Südossetien ist etwa eineinhalbmal so groß wie das Saarland." Den Kollegen betrübte die Degradierung von Taubeneiern und Saarländern sehr. Keiner betrachtete diese biologischen Randerscheinungen mehr um ihrer selbst willen.
Der Plörre entstiegen
In der Medizin ist es der Klaviersaite und dem Daumenballen ähnlich ergangen. Verkannt, vergessen und zum Vergleichsobjekt herabgewürdigt. Obwohl es viele musikalische Mediziner und Ärzteorchester gibt, erwähnen Doctores die Klaviersaite beispielsweise nur dann, wenn sie die Konsistenz des Samenstrangs beschreiben wollen - und zwar als klaviersaitenhart.
Über den etwa taubeneigroßen Daumenballen wird, obwohl er selbst so etwas wie ein eigenes kleines Körperteil ist, fast nur gesprochen, um die Beschaffenheit der Prostata zu erklären. Die Prostata muss man sich als das Saarland unter den Organen vorstellen - und prallelastisch wie einen Daumenballen eben.
Kürzlich kam eine Kollegin auf mein gelbes Sofa, die mit dem Gedanken an eine Schwangerschaft schwanger ging. Noch war ihr Bauchansatz auf zu große Portionen und nicht auf andere Umstände zurückzuführen, aber sie wusste schon genau, wie sie niederkommen wollte. Sie hatte an eine Wassergeburt gedacht.
Hier war der Hinweis auf größere Zusammenhänge endlich angebracht, um zu verhindern, dass eine Schwangere ins Wasser geht: "Eine Kuh geht zum Kalben ja auch nicht in den Teich", hatte ein gynäkologischer Chefarzt immer wieder gesagt, wenn sich Schwangere nassmachen wollten.
Als letzte Warnung könnte es vielleicht hilfreich sein, die evolutionsgeschichtliche Tendenz unseres Daseins auf Erden zu erwähnen: Die Menschheit hat Jahrmillionen gebraucht, um aus der Plörre herauszukommen - kein Grund, freiwillig da wieder hineinzugehen.
Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
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(SZ vom 16.08.2008)