Von Werner Bartens

Die Entwürdigung beginnt häufig schon im Wartezimmer. Der Patient ist eine Nummer, angemessene Distanz in überfüllten Praxen Fehlanzeige. Das muss nicht sein!

Als Arzt will man helfen, wo man kann. Allzeit bereit, immer und überall. Es gilt das karitative Motto: Heilen selten, lindern oft, helfen immer. Doch sogar ein ausgeprägtes Helfer-Syndrom stößt bisweilen an natürliche Grenzen. Letztens kam ein Kollege vorbei und setzte sich auf mein gelbes Sofa. Er wollte einen guten Arzt für seine Oma in Schweinfurt empfohlen bekommen.

medizin und wahnsinn; iStockphotos

In manch überfüllter Praxis schätzt sich glücklich, wer sich nicht schon im Wartezimmer "frei machen" soll. (© Foto: iStockphotos)

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Nun kannte ich den Kollegen nicht mal dem Namen nach und auch nicht seine Oma. Die Ärzte in Schweinfurt waren mir ebenfalls fremd, auch bei den Medizinern in Ochsenfurt und Hassfurt musste ich passen.

Also blieben bloß allgemeine Abwägungen. Genau kann man das ja nie sagen, aber es gibt Indizien, die für oder wider einen Arzt sprechen und vermuten lassen, wie er es mit den Leuten hält, die zu ihm kommen.

Das ist ähnlich wie in der Gastronomie. Finden sich auf dem Grund des beleuchteten Glaskastens, in dem die Speisekarte von Gaststätten ausgehängt ist, beispielsweise Fliegen, die starr mit allen sechs Beinen nach oben zeigen, spricht dies weder für häufige Abwechslungen in der Menüfolge, noch für ausgeprägtes Feingefühl gegenüber den Gästen.

Ähnlich ist das bei Ärzten. Was in der Gastwirtschaft die Speisekarte, ist in der Medizinwirtschaft die Art und Weise, wie der Arzt die Kranken zu sich kommen lässt. Noch immer gibt es in einigen Praxen die Unsitte, die Gesunde nur von manchen Fleischtheken im Supermarkt aus den achtziger Jahren zu kennen.

Man musste damals aus einem Automaten, der aussah wie ein Föhn, eine Nummer auf einem Abrisszettel ziehen. Die wurde aufgerufen oder angezeigt, und erst dann durfte man sein Pfund Hack bestellen. Manche Kliniken pflegen diesen Brauch ungerührt in Ambulanzen bis heute weiter. Das spricht dafür, dass diese Krankenhäuser in den vergangenen 25 Jahren nicht renoviert worden sind. Es erklärt zudem, warum sich viele Patienten wie eine Nummer oder ein Stück Fleisch behandelt vorkommen.

Noch schlimmer ist die Methode, die ebenfalls an Supermärkte oder den letzten Aufruf zum Besteigen der Maschine im Flughafen eines Nachfolgestaates der ehemaligen Sowjetunion erinnert: Über einen knarzenden und nur Konsonanten ausspuckenden Lautsprecher werden die Delinquenten ins Arztzimmer gerufen.

Ein Rätsel der Technik: Menschen können zum Mond fliegen, sind aber offenbar nicht in der Lage, Lautsprecherdurchsagen auf Bahnhöfen, Flughäfen oder in Arztpraxen verständlich zu machen. Besonders sadistisch treibt das ein Neurologe, den ein Kollege gelegentlich aufsucht. Obwohl seine Patienten zumeist schwerhörig, dement oder beides sind, lässt er sie über einen völlig verrauschten Lautsprecher aufrufen. Entweder verstehen die Leute im Wartezimmer die Ansage nicht, oder sie wissen längst nicht mehr, dass sie gemeint sind.

Entwürdigender ist nur noch die räumliche Distanzlosigkeit. Dazu gehören etwa die Stuhlreihen des Wartezimmers, die direkt am Empfang beginnen, so dass alle Patienten mithören können, wenn man dezent die geplante Entfernung der Hämorrhoiden ansprechen will.

Ähnlich erniedrigend ist es, vom Praxispersonal aufgefordert zu werden, sich schon mal in der Behandlungskabine zu entkleiden. Halbnackt sitzt man auf kalten Plastikstühlen und wartet darauf, dass endlich der Arzt - bis oben hin zugeknöpft - kommt und seinen Blick noch vor der Begrüßung auf das malade Knie oder die Wunde am Kopf richtet.

Das muss nicht sein. In einen Schuhladen muss man auch nicht barfuß kommen, zum Metzger nicht hungrig, ins Dessous-Geschäft nicht nackt.

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(SZ vom 19./20.4.2008)