Von Werner Bartens

Es gibt eine seltsame Symbiose zwischen Menschen und Apparaten. Was wäre die Leber ohne den Ultraschall, der ihre zarten Knötchen zu würdigen weiß?

Eigentlich wollte ich schreiben, dass Ärzte mehr und besser zuhören sollten. Dass viele Patienten erst das Röntgengerät und dann den Doktor kennenlernen. Eigentlich wollte ich schreiben, dass sich Patienten in Deutschland zwar gut versorgt, aber schlecht verstanden fühlen.

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Alles so schön zu sehen: Angeblich schätzen die Deutschen die Apparatemedizin. (© Foto: dpa)

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Dass zuhören nicht nur heißt, Patienten reden zu lassen, sondern teilnehmend nachzufragen und ihre Lebenswelt einzubeziehen. "Wie geht es Ihnen mit Ihren Beschwerden", wäre so eine Frage. Eigentlich wollte ich schreiben, dass sich 90 Prozent aller Diagnosen ohne technische Hilfsmittel stellen lassen, nur durch ausführliche Gespräche und die körperliche Untersuchung. Eigentlich.

Das geht jetzt nicht mehr. Der Stand der Wissenschaft ist ein anderer geworden in diesen Minuten. Alles fließt. Das liegt an der Hochschule Augsburg, genauer an dem naheliegenderweise in der Fakultät Wirtschaft tätigen Professor Gerhard F. Riegl, dort nicht nur Mittel-Initial-Träger, sondern angeblich auch Marketingdozent und Patientenforscher. "Die Behauptung , Patienten wollen Ärzte statt Apparate, ist widerlegt", hat der Patientenforscher soeben erforscht.

Kurze Verwirrung. Alte Glaubenssätze implodieren. Alles schwimmt. Da erreicht uns die Meldung, dass Haie in Großaquarien künftig lernen sollen, auf akustische Signale und Farben zu reagieren, um eine Verständigungsebene zwischen Mensch und Hai aufzubauen.

Die Verwirrung ist komplett. Klar, Hai und Mensch, das ist eine ähnliche Symbiose wie die zwischen Mensch und Röntgengerät. Ein Prosit auf den Hai und die Apparatemedizin. Was wäre die Leber ohne den Ultraschall, der wie kein anderer ihr Wachstum und die zarten zirrhotischen Knötchen zu würdigen weiß?

Endlich sagt es mal einer. Endlich erfahren wir, dass sich Patienten erst im CT und am Langzeit-EKG richtig wohlfühlen. Ärzte und ihr verbaler Beschwichtigungsteppich stören nur, wenn sich der Kranke ins MRT schmiegt oder in seiner Kuschelecke auf die Infusion von ein paar radioaktiven Isotopen wartet - wie sonst ist zu erklären, dass sich 57 Prozent der von Riegl Befragten weniger Störgeräusche bei technischen Untersuchungen wünschen? "Die Ergebnisse zeigen eindeutig eine Hochschätzung der Apparatemedizin", sagt Gerhard F. Riegl.

Dieser Riegl. Das ist schon ein wilder Hund. Immer seiner Zeit voraus. Riegl? Der Riegl? Wir erinnern uns. Hat nicht vor Jahren ein Gerhard F. Riegl einen legendären Vortrag auf dem Chirurgenkongress in Berlin gehalten? Ja, er war's.

Hat den Ärzten damals eingebläut, dass sie "kein Halbgott in Weiß, sondern ein Markenartikel in Weiß", sein sollten, "nicht Diktator, sondern Animator". Medizin sei Markt, und erst das richtige Marketing mache Ärzte und Patienten zufrieden.

Riegl hat mit seiner aktuellen Untersuchung die wahren Bedürfnisse der Patienten freipräpariert. Damals in Berlin erkannte er bereits, was Ärzte wirklich wollen. Ihre "idealen Patienten sind die fünf Prozent Veredelungsfälle", mit denen sich etwas verdienen lasse. So sieht das Arzt-Patientenverhältnis in der Fakultät Wirtschaft aus.

Wer sich nicht als Medizin-Manager verstehe, hatte Riegl damals gepredigt, werde den ökonomischen Tod als "ethischer Märtyrer" sterben. Um lästige Personalkosten zu sparen, empfahl Riegl "Outsourcing in verdi-freie Zonen". Und Erfolg, so Riegl, "beginne mit der Kompetenz des Patienten-Verdienens". Er sagte Patienten-Verdienen, obwohl er vermutlich Am-Patienten-Verdienen meinte.

Nach dem Vortrag war es eine ganze Weile still. Die Ärzte machten sich noch eifrig Notizen, das Ergebnis kann man heute in vielen Praxen und Kliniken bestaunen. Nur Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, sagte etwas. Es klang fast ein bisschen altmodisch. Bauer hatte aus dem Vortrag gelernt: "Das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern clever."

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(SZ vom 06.06.2009/gdo)