Von Werner Bartens

Nichts fürchten Männer mehr, als wenn es ihnen an die Eier geht. Deswegen sind in Deutschland viermal so viele Frauen sterilisiert wie Männer.

Sitzen vier Männer in der Kantine. Sagt der eine: "Ich werde mich wohl sterilisieren lassen." Sagt der andere: "Wahnsinn, einfach so seine Lebensader zu kappen." Sagt der Dritte: "Meine Frau will auch, dass ich mir etwas einfallen lasse." Betretenes Schweigen. Der vierte, noch kinderlose Kollege, stochert im Salat herum. Drei der vier Herren bringen es zusammen auf zehn Kinder. Das reicht eigentlich. Aber sich deswegen gleich sterilisieren lassen? Nur das gelegentliche Schaben des Bestecks auf den Tellern ist zu hören.

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Beim Fußball schützen Männer nicht zuerst Gesicht oder Herz - nein, die Angst ums Gemächt wiegt am schwersten. (© Foto: dpa)

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Nach längerer Pause fragt der Feuilletonist zaghaft, ob sich dadurch auch die Stimme verändern würde. Das sei doch eine originelle Möglichkeit, seinem Typ eine neue Färbung zu geben. Er hat neulich etwas über große Kastraten im 18. Jahrhundert gelesen. Vielleicht hofft er, dass aus dem Kollegen mit der tiefen Stimme nach dem urologischen Eingriff ein neuer Farinelli wird.

Der Wissenschafts- und der Sportredakteur sinnieren eher über physikalische und physiologische Details nach. Wer weiß, ob da noch etwas komme. Der Wissenschaftsredakteur meint das räumlich konkret - ob nach der Operation noch "etwas komme". Der Sportredakteur denkt eher an spätere Spielzeiten und andere Lebensumstände. Man weiß ja nie, und man sei schließlich bis ins hohe Alter zeugungsfähig.

Mit roher Gewalt

Welche Fähigkeiten ihnen bleiben, beschäftigt Männer offenbar zeitlebens. Der Wissenschaftsredakteur will wissen, ob wirklich nicht die Potenz eingeschränkt wird, wenn der Chirurg an solch verletzlicher Stelle das Skalpell ansetzt. Die Leitungsbahnen vor Ort seien schon recht eng verkabelt, gibt der Kollege zu bedenken, der als passionierter Heimwerker gilt. Vielleicht wirke es sich auch psychisch erheblich auf Lust und Libido aus, wenn mit roher Gewalt das zarte Gewebe durchtrennt wird. Zudem sei ein betäubter Schritt sehr unangenehm, er kenne das vom Radfahren.

Es ist schon erstaunlich, was Männern alles einfällt, wenn sie sich vor naheliegenden Veränderungen drücken wollen. Die Strategie ist offenbar recht erfolgreich: Obwohl es bei Frauen ein deutlich schwererer Eingriff ist als bei Männern, und die Pille auf Dauer auch nicht gesund ist, sind in Deutschland viermal so viele Frauen sterilisiert wie Männer.

Ein paar Tage später kommt der Kollege, der noch immer zum Eingriff entschlossen ist, auf das gelbe Sofa. Tiefe Sorgenfalten überziehen seine Stirn, schlaff und runzelig sieht er aus. Der Kollege hat die Operationsskizze des Urologen und das Aufklärungsblatt dabei und flucht über die anschaulichen Beschreibungen inklusive aller Komplikationen. "So genau will ich das gar nicht wissen", schimpft er. "Jedenfalls nicht, wenn es um so empfindliche Teile geht."

Besonders zu schaffen machen ihm die Schleifen und Schlingen, die seinen Samenleitern drohen, wenn sie durchschnitten sind. Damit nicht wieder zusammenwächst, was zusammengehörte, werden beide Enden getrennt verknotet. Der Kollege fasst sich in den Schritt: "Mir zieht sich jetzt schon alles zusammen."

Es ist offenbar ein tief verwurzeltes Programm. Nichts fürchten Männer mehr, als wenn es ihnen an die Eier geht. Beim Fußball wird die Hand nicht schützend vor Gesicht, Kopf oder Herz gehalten. Die größte Sorge beim Freistoß des Gegners gilt dem eigenen Gemächt.

Indonesische Männer kennen sogar Koro - die panische Angst, ihre Genitalien könnten sich plötzlich in den Körper verkriechen. Vorbeugend hängen sie sich Gewichte an Hoden und Penis, büßen dadurch aber eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit dem anderen Geschlecht ein.

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(SZ vom 12./13.1.2008)