"Bio", "Vita" oder "San": Medizinische Produkte dieses Namens wollen ein Minus unseres Körpers beheben. Sie sind aber meist nicht mehr als aufgeblähte Wortschöpfungen.
Es ist noch nicht lange her, da galt der von Patienten immer wieder bestätigte medizinische Lehrsatz: Nur was weh tut und zu heftigen Nebenwirkungen führt, hilft auch richtig. Großkalibrige Kanülen, die kleine Tunnel im Fleisch hinterließen, sowie bittere Säfte, Dragees und Tabletten, nach deren Einnahme kurzfristig die Sinne schwanden, ließen fast jeden Patienten vergessen, dass es ihm ursprünglich ganz woanders weh tat. Inzwischen scheint ein anderes Kriterium weitaus wichtiger für eine erfolgversprechende Behandlung zu sein: Nur was teuer ist, kann Heilung bringen oder wenigstens die ärgsten Beschwerden lindern. Billige Mittel taugen nichts, Gesundheit hat eben ihren Preis.
Bild vergrößern
Was nicht von Krankenkassen erstatt wird, dessen Nutzen ist nicht belegt. Geschäftstüchtige Ärzte bringen viele Mittelchen aber dennoch an den Patienten. (© iStockphoto)
Anzeige
Besonders teuer wird es, wenn die Mittel sich natürlich geben, was unschwer an den Wortbestandteilen "Bio'', "Vita'' oder "San'' zu erkennen ist, die gerne auch kombiniert werden. Um sich mit einer angeblichen Ladung Natur abfüllen zu lassen, ist eine mehr oder weniger ausgeklügelte Mangelrhetorik hilfreich. Überall fehlt etwas: Anfänger sagen, ihre Speicher seien leer oder sie müssten auftanken. Fortgeschrittene sprechen immerhin schon davon, dass sie ihre Akkus oder Batterien aufladen müssten. Der medizinisch Halbgebildete gibt in seinem Bulletin preis, dass er seine Depots wieder auffüllen müsse.
Was für schiefe Bilder. Der Mensch ist keine Taschenlampe, der langsam der Saft ausgeht und auch kein Trinkwassersprudler, der eine neue Kartusche braucht. Wer solche technischen Vorgänge bei gelegentlicher Erschöpfung vermutet oder weil er mal müde ist, sollte seinen Körper besser kennenlernen und ab und zu früh schlafen gehen. Oder Urlaub machen.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Zehn Kinder, zwei Häuser, erfolgreich und gemocht: Die Özmens waren ein Musterbeispiel für Integration. Dann wird die 18-jährige Tochter entführt und getötet. Angeklagt sind nun ihre Geschwister. Ein Drama aus Detmold. Jetzt lesen ...
- Thema
- Medizin und Wahnsinn RSS
- Medizin und Wahnsinn, Folge 142 Harmonie durch Plastik 30.12.2010
- Medizin und Wahnsinn (141) Nachdenkliches Heilwasser 21.08.2010
- Medizin und Wahnsinn (140) Deutschland sucht den Super-Arzt 15.08.2010
- Medizin und Wahnsinn (138) Medizinerstadl mit Methode 01.08.2010
- Medizin und Wahnsinn (137) Er ist schwanger 25.07.2010
- Medizin und Wahnsinn (136) Perlen der Heilkunde 04.08.2010
Ex-Schiedsrichter Markus Merk im Interview