Die typischen Leibbeschwerden der Menschen erscheinen unter Beteiligung des Darmgehirns in einem ganz neuen Licht. Fraglich bleibt nur, welches.
Es gibt Menschen, die halten die Ansammlung von ein paar Nervenzellen und Synapsen bereits für Intelligenz. Doch selbst größere neuronale Netzwerke im Gehirn sind nicht automatisch ein Zeichen von Klugheit, wie viele Zeitgenossen jeden Tag aufs Neue beweisen.
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Wenn man das "Darmgehirn" mal ernst nimmt, tun sich Fragen auf. Zum Beispiel: Was geschieht mit dem Darmgehirn, wenn es den natürlichen Weg allen Darminhalts geht? (© ag.ddp)
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Wie unsinnig es ist, in Nervendingen von der schieren Masse auf Klasse zu schließen, wird auch am Beispiel des Ischias deutlich. Gemeint ist der von Medizinern als Nervus ischiadicus bezeichnete Sitzbein-Nerv - er ist der größte und mächtigste Nerv im Körper, etwa daumendick und verläuft von der unteren Wirbelsäule zu den Popo-Muskeln und dann zur Hinterseite des Oberschenkels. Niemand käme freiwillig auf die Idee, diesem Nerv Intelligenz zu unterstellen.
Neulich im Bildungsfernsehen. Ein Experte für Magen- und Darmleiden ist geladen, er sieht selbst ein wenig magenleidend aus. Er referiert über den Bauch und seine Organe und plötzlich fällt der Begriff vom "Darmgehirn". Es soll ja vorkommen, dass einem Menschen das Herz in die Hose rutscht - aber auch das Hirn in den Bauch oder gar tiefer? Der Moderator nimmt den Begriff dankbar auf und redet fortan immer wieder vom Darmgehirn. Ob es außerirdische Intelligenz gibt, ist zwar in der Wissenschaft seit Jahrzehnten umstritten. Eine gastrointestinale Intelligenz ist hingegen offenbar selbstverständlich, zumindest im deutschen Bildungsfernsehen.
Im Medizinstudium hatten wir so etwas nicht und bei gründlicherem Nachdenken tun sich viele Fragen auf: Was geschieht mit dem Darmgehirn, wenn es den natürlichen Weg allen Darminhalts geht? Ist das Denken dann für den Arsch? Und mit welchem Darm denkt es sich am besten? Löst der Dünndarm die kleinen Probleme zwischendurch, während sich der Dickdarm in ausführlichen Sitzungen den grundlegenden Fragen des Lebens zuwendet und sie durchwalkt wie vorverdauten Nahrungsbrei? Zu welchen kognitiven und emotionalen Leistungen ist ein Mensch in der Lage, wenn ihm der Wurmfortsatz - vulgo: Blinddarm - entfernt wurde? Befördern wirre Gedanken den Darmverschluss oder gar ein Zwölffingerdarmgeschwür?
Mit dem Darmgehirn meinen Forscher wahrscheinlich die vielen Millionen Nervenzellen, die weitgehend autonom die Verdauung regulieren und auch dazu beitragen, dass einem beispielsweise Ärger oder Angst auf den Magen schlagen. Die Bezeichnung ist allerdings eine Mogelpackung, denn dann müsste man auch genauso vom Herzgehirn, vom Lungengehirn und dem Lebergehirn sprechen. Fast alle inneren Organe werden mit autonomen Nervenimpulsen versorgt, die ihre Funktion sicherstellen. Und fast alle diese Organe reagieren auf Stress oder eine plötzlich veränderte Stimmungslage.
Die typischen Leibbeschwerden der Menschen erscheinen unter Beteiligung des Darmgehirns in einem ganz neuen Licht. Der Reizdarm, von Freunden humanistischer Halbbildung gerne auch als colon irritabile bezeichnet, muss als eine nervöse Überspannung des Darmgehirns verstanden werden. Spekulationen über Blähungen und Flatulenz erübrigen sich, das wären reine Hirngespinste. Dass ein voller Bauch nicht gerne studiert, glaubt man hingegen gerne. Selbst ein paar Millionen Nervenbahnen zwischen Enddarm, Bauchspeicheldrüse und dem Magenpförtner qualifizieren nicht für einen akademischen Abschluss.
Wenn es ein Darmgehirn gäbe, hieße das leider auch, dass Liebe, die durch den Magen ginge, vielleicht schmackhaft wäre, aber ansonsten auf wenig gedankliche Substanz bauen könnte. Gleiches würde für die vielen Entscheidungen geten, die aus dem Bauch heraus getroffen würden. Was sollte da schon herauskommen außer - viel Wind?
Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
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(SZ vom 29.05.2010)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
der Autor hätte vorher nachstehenden Artikel lesen sollen und einschlägige Forschungen von M. Gershon:
http://www.geo.de/GEO/mensch/medizin/686.html?p=1
Zitate daraus:
"Dieses "zweite Gehirn", so haben Neurowissenschaftler herausgefunden, ist quasi ein Abbild des Kopfhirns - Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind exakt gleich. "
"Erst vor kurzem stellten Forscher fest, dass weitaus mehr Nervenstränge vom Bauch in das Gehirn führen als umgekehrt: 90 Prozent der Verbindungen verlaufen von unten nach oben. Warum? "Weil sie wichtiger sind als die von oben nach unten", sagt Gershon. Die meisten Botschaften vom Darm sind allgegenwärtig, wir nehmen sie nur nicht bewusst wahr - außer den Alarmzeichen wie Übelkeit, Erbrechen oder Schmerzen. Aber die ungeheure Fülle der unbewussten Signale vom Bauch zum Hirn ist voller biologischer Bedeutung. "
Hallo,
ich finde es schade, dass unser Gehirn des Darmes in diesem Beitrag so schlecht wegkommt... ja fast ein bisschen belächelt wird.
Der Autor schreibt:
"Im Medizinstudium hatten wir so etwas nicht und bei gründlicherem Nachdenken tun sich viele Fragen auf:..."
Also im Medizinstudium des 21. Jahrhunderts fällt dieser Begriff schon... zumindest im Anatomie oder Physiologieunterricht.
Die Fragen, die sich beim Autor auftun... naja, die sind nicht besonders ernst zu nehmen... auch schade. Bis auf "Befördern wirre Gedanken....ein Zwölffingerdarmgeschwür"... Stressinduzierte Gastritis/Duodenalulzera - überhaupt nicht weit hergeholt.
Die Vergleiche zu anderen Organen hinken..
"Die Bezeichnung ist allerdings eine Mogelpackung, denn dann müsste man auch genauso vom Herzgehirn, vom Lungengehirn und dem Lebergehirn sprechen."
"Selbst ein paar Millionen Nervenbahnen zwischen Enddarm, Bauchspeicheldrüse und dem Magenpförtner qualifizieren nicht für einen akademischen Abschluss."
Warum man die Plexus des Darms von vegetativen Plexus anderer Organe unterscheidet, liegt einfach daran, dass diese Nervengeflechte vollkommen selbstständig und ohne zentrale Zwischenverschaltung in der Lage sind ein Organ zu steuern/zu regulieren. Alles andere wird meist über ein Zentrum im Gehirn gesteuert.
Ein Artikel "Denken mit dem Darm" hätte etwas mehr Potenzial gehabt, schade...
gegeben haben (geben) die haben sogar mit dem Hintern regiert.