Von Werner Bartens

Der Mensch ist ziemlich chronisch veranlagt. Gerade beim Leiden versteift er sich auf bestimmte Beschwerden. Das kann bizarre Ausmaße annehmen.

Der Mensch ist ziemlich chronisch veranlagt. Chronisch schlecht gelaunt, chronisch laut, leider oft auch chronisch nervtötend. Sogar im Leiden ist die Tendenz festzustellen, dass sich viele Patienten auf bestimmte Beschwerden konzentrieren und nichts anderes ausprobieren wollen.

Statt Horoskope sollte Frisör- und Wartezimmerzeitschriften Nebenhöhlen-Orakel bieten. (© Foto: iStockphotos)

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Das gilt nicht nur für den Kollegen mit dem Räusper-Reiz. Die Macht des Rituals ist offenbar stärker als die Versuchung des Neuen. Wer sich einmal mit Sodbrennen, Seitenstrangangina oder einem steifen Nacken eingerichtet hat, bleibt zumeist dabei und kommt in Krisenzeiten immer wieder auf bewährte Symptome zurück.

Im vertrauten Austausch über die aktuellen Zipperlein heißt es dann: "Meine Schwachstellen sind die Zähne" oder "Ich merke es immer zuerst am Sprunggelenk, wenn es mir nicht gutgeht". Statt die Fachzeitschriften bei Frisör und Fußpfleger mit Horoskopen zu verunstalten, sollten dort Vorhersagen für jeden Körpertyp abgegeben werden. Das "Nebenhöhlen-Orakel" beispielsweise oder "Die kleine Leber-Schau".

Chronische Knie

Man kann das für die Kügelchen-Klientel esoterisch aufhübschen mit Astrologen-Kauderwelsch. Zu lesen wäre dann etwa vom Körperzeichen Lendenwirbelsäule mit dem Aszendenten Gallenblase, für den die Partnerwahl in den nächsten Tagen vielversprechende Aussichten bietet. Besonders dann, wenn sich ein Treffen mit einem Migräne-Typ ergibt.

Der liebe Kollege ist vom Körperzeichen eher Knie. Er hat sogar chronisch Knie. Der Mann ist ein einziger Druckschmerz. Er treibt so ausdauernd Sport, dass man sich als passiver Beobachter manchmal fragt, ob man überhaupt so viel Stress mit der Frau haben kann, wie er wegzulaufen und wegzuradeln versucht.

Nun sitzt er auf meinem gelben Sofa und leidet. Vergangenes Jahr hat er sich die Inneneinrichtung seines rechten Knies glattschmirgeln und blank polieren lassen. Jetzt tut das linke weh und will ebenfalls behandelt werden. Knie haben eben auch ein Gespür dafür, wenn sie benachteiligt werden. Die Gleichberechtigung ist noch längst nicht überall angekommen.

Ein anderer Kollege ist untenrum fixiert. Er hat chronisch Kinder. Kürzlich kam er ins Zimmer und setzte sich auf mein gelbes Sofa. Seit Jahren überlegt er schon, ob er sich sterilisieren lassen soll. Er will ja, allerdings ist er auch ein chronischer Bedenkenträger.

Jedes Mal, wenn er fast davon überzeugt war, sich die Samenleiter durchtrennen zu lassen, berichtete er von einer erneuten Schwangerschaft seiner Frau. Andere Männer hätte die - gefühlte 17. Niederkunft der Partnerin - womöglich schneller zum endgültigen Schnitt bewogen. Bei ihm ist das Gegenteil der Fall.

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