Medizin und Wahnsinn (128) Das Jaulen der Mediziner
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Theoretisch will Philipp Rösler die Preise für Arzneimittel senken. Praktisch aber sinkt nur die Zustimmung der sonst so treuen FDP-Anhänger.
Es gibt Paarungen, die unzertrennlich zueinander gehören. Bonnie und Clyde, Hamas und Fatah, Cindy und Bert und natürlich die FDP und die Ärzte. Die meisten dieser symbiotischen Verhältnisse haben seit der Krönung Karls des Kahlen Bestand. Königreiche wurden mit ihrer Hilfe ebenso errichtet wie Herrscher gestürzt und Koalitionsvereinbarungen verwässert.
Die Tage des Zweifels und ihr Sündenbock: Philipp Rösler bringt mit seinen Forderungen die Ärzteschaft auf.
(Foto: Foto: ddp)Nicht immer ist allerdings klar, ob man sich in der Zweierbeziehung auf Augenhöhe begegnet, manchmal handelt es sich um parasitäre Verhältnisse, wobei oft ungewiss bleibt, wer Schmarotzer und wer Wirtsorganismus ist.
Umso erstaunlicher ist die Nachricht, die kurz vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen die Republik erschüttert. "Der FDP laufen die Ärzte weg", läuft über die Ticker und das wäre befremdlicher als eine schwarz-linke Regierungskoalition in Berlin unter Führung von Roland Koch und Petra Pau, die auf Vermittlung von Jürgen Trittin und Horst Seehofer zustande gekommen ist. Man muss die Entwicklung natürlich erst analysieren. Bisher folgten die Ärzte der FDP ja wie der nordkoreanische Volkskongress dem großen Führer Kim Jong Il. Sollte die Zustimmung der Ärzte für die FDP also von knapp 99 Prozent auf 82 Prozent gefallen sein, ist das noch kein Grund zur Besorgnis. Jedenfalls nicht für die FDP.
Zu vermuten sind allerdings tiefere Zerwürfnisse, sodass die FDP mittelfristig gar die absolute Mehrheit der Sympathien unter den Ärzten verlieren könnte. Dabei hat Gesundheitsminister Philipp Rösler, der noch immer als Arzt im Praktikum verhöhnt wird, viel versucht, um die Ärzteschaft zu besänftigen. Einen Manager der Privaten Krankenversicherung hat er in seinen Beraterstab geholt und den ständig mäkelnden Chef des Pharma-TÜV in Köln hat er abservieren lassen. Die Ärzte können daher vermutlich weiter mit satten Einnahmen durch Privatpatienten rechnen und wieder mehr Pillen verschreiben, die teurer aber dafür kaum auf ihren Nutzen hin untersucht worden sind. Der freie Markt wird schon zeigen, welche Tabletten etwas taugen. Ein bisschen Schwund ist immer.
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Nun gehen Ärzte zwar so verständnisvoll miteinander um wie Paschtunen und Tadschiken und andere Volksgruppen in Afghanistan. Jeder Funktionär verteidigt die Therapierituale seiner Facharztgruppe verbissener als ein Warlord sein Dorf in der Wüste Rigestan. Philipp Rösler hat es aber offenbar geschafft, alle gegen sich aufzubringen. In Afghanistan gelingt das nur mit umgrenzten Kampfhandlungen gegen Aufständische, die sich später bedauerlicherweise als Hochzeitsgesellschaft oder andere Zivilisten herausstellen.
Rösler muss bei den Ärzten einen Nerv getroffen haben, der sie unerwartet einstimmig aufjaulen lässt. Wahrscheinlich ist es seine Forderung, die Preise für Arzneimittel zu senken. Hier muss einfach jeder anständige Arzt protestieren.
Nicht aus finanziellen Gründen, sondern weil die Einsparungen auf Kosten der Patienten gehen. Jeder Arzt weiß, dass es für die Kranken besonders auf die Größe ankommt. Die Placebo-Forschung zeigt es immer wieder: Große Spritzen wirken besser als kleine, schmerzhafte, bei denen sogar ein blauer Fleck zurückbleibt besser als der kleine Piks zwischendurch. Bunte Tabletten wirken besser als blasse. Und das alles gilt erst recht, wenn nichts drin ist außer Traubenzucker.
Enormen Einfluss hat auch der Preis. Teure Pillen wirken besser als billige, auch wenn der Inhalt identisch ist. Und der Gesundheitsminister will Patienten diesen therapeutischen Nutzen vorenthalten!
Der Placebo-Effekt durch überteuerte Tabletten ist immerhin eine der wenigen Behandlungen, die in der Arztpraxis funktionieren - auch wenn man sie nur zu einem hohen Preis bekommt.