Von Werner Bartens

In aller Dreistigkeit wird den Patienten Geld für überflüssige Untersuchungen abgenommen - um dann für die Diagnose einen Aufschlag zu verlangen.

Der Wahnsinn versteckt sich manchmal im Unscheinbaren, etwa in der Ärzte-Zeitung. Zwischen zahlreichen Anzeigen der Pharmaindustrie findet sich dort das Ergebnis einer Umfrage, wonach sich mehr als 50 Prozent der niedergelassenen Ärzte einen Gesundheitsminister von der FDP wünschen. Man fragt sich, was da in der Mediziner-Ausbildung schiefgelaufen ist.

Arzt, Geld, dpa

Untersuchung, Diagnose, schriftliches Ergebnis - in der Praxis ist nichts umsonst. (© Foto: dpa)

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Interessant wäre auch die Frage, wie viele Patienten sich freiwillig von einem FDP-Arzt behandeln lassen würden, wenn es sich nicht gerade um einen Notfall handelt. FDP-Ärzte sind immerhin primär nicht ansteckend. Dagegen helfen aber auch nicht diese Desinfektions-Gels aus Seifenspendern, die neuerdings überall in unserem Verlags-Gebäude aufgehängt sind und eigentlich vor Schweinegrippe schützen sollen.

Es gibt ein paar hilflose Erklärungsversuche für die eigenartigen politischen Wünsche von Medizinern. Ärzte sind stolz darauf, Freiberufler zu sein und frei entscheiden zu können, wie sie die ärztliche Kunst ausüben. Diese Freiheit müssen sie irgendwie missverstanden und mit der Marktfreiheit der FDP verwechselt haben. Anders ist kaum zu erklären, dass Ärzte unter freier Berufsausübung in den letzten Jahren häufig freies Gewinnstreben verstanden haben. Aus der Serie innovativer ärztlicher Geschäftsmodelle ragt ein besonders originelles Beispiel heraus, das ein Augenarzt im süddeutschen Raum praktiziert.

Der Mediziner hatte seinen Patienten bereits leidlich lustlos untersucht und wollte ihn gerade wieder nach Hause schicken. Abschließend fiel ihm aber noch ein, den gesetzlich krankenversicherten Mann auf einen Behandlungsstuhl zu setzen. Der Arzt erwähnte beiläufig, dass die folgende Untersuchung nicht von der Krankenkasse erstattet würde. Der Arzt könne den Augeninnendruck daher nur gegen eine Kostenübernahme von 25 Euro messen, er würde dem Patienten aber zu dem Test raten. Und da der Patient nun schon mal auf dem Untersuchungsstuhl Platz genommen habe, wäre auch schon alles bereit und man könne sofort anfangen.

Der Patient fühlte sich zwar ziemlich überrumpelt von der ärztlichen Offensive, stimmte aber zu. Er spürte so etwas wie einen kurzen Lufthauch am Auge, dann hörte er ein klackendes Geräusch, und nach nicht mal zwei Minuten war der Spuk vorbei.

Spartipps von der Sprechstundengehilfin

Der Arzt verabschiedete sich ohne weitere Erklärung oder Diagnose von seinem Patienten und riet ihm, erst frühestens in einem Jahr wiederzukommen. Daraus schloss der Patient, dass er wohl nicht akut krank war. Wie die angeblich so dringend notwendige Messung des Augeninnendrucks ausgefallen war und ob der Patient sich Sorgen machen müsse, erwähnte der Arzt mit keinem Wort. Er verließ einfach den Raum.

Die Sprechstundengehilfin war hingegen deutlich gesprächiger. Ob er auch seinen Augeninnendruck habe messen lassen, wollte sie wissen. Wie erleichtert sie war, als der Patient zustimmte. Ja, wenn das so sei, hätte die Praxis noch eine andere Dienstleistung im Angebot: Für ein schriftliches Ergebnis der Untersuchung müsste er noch mal zehn Euro zusätzlich zu den 25 zahlen, die er bereits berappt hatte. Er bekäme dann einen Computer-Ausdruck von ihr.

Sie sagte kein Wort dazu, wie die Messung ausgefallen war und ob der Test etwas Beunruhigendes ergeben hatte. Ihr Chef und sie waren ein eingespieltes Team und würden umsonst nichts verraten. Darauf muss man erst mal kommen. In aller Dreistigkeit den Patienten Geld für eine überflüssige Untersuchung abzunehmen und dann Aufschlag für das Ergebnis zu verlangen. Dafür gab die Sprechstundenassistentin dem Patienten immerhin einen Spartipp: Wenn er zum Optiker gehen würde, um eine neue Brille zu bekommen, würde der sowieso alle Messungen wiederholen, die gerade angestellt worden seien. Dort seien sie aber umsonst.

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(SZ vom 26.09.2009/aro/vs)