Ärzte rauchen und trinken mehr als die übrige Bevölkerung. Laster forschen sie sich einfach schön: Zigaretten helfen plötzlich gegen Alzheimer und Butterkuchen ist gut für die Zähne.
In der Klinik gewesen, schlechtes Gewissen gehabt. Denn dort hängt im Eingangsbereich für alle Besucher sichtbar ein Plakat. Darauf ist eine aparte junge Frau im weißen Kittel zu sehen. Sie bekennt sich schonungslos dazu, Medizinerin zu sein. Zudem möchte sie sich gegen Grippe impfen lassen. Sie will nämlich Vorbild sein, sagt sie.
Auflehnung gegen den Wellness-Terror (© Foto: iStockphotos)
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Ein kritischer Geist hat allerdings mit Kugelschreiber auf das Poster geschrieben: Stimmt gar nicht, von wegen Vorbild - nur 28 Prozent des medizinischen Personals haben sich gegen Grippe impfen lassen.
Unter Ärzten gibt es die jahrhundertelange Tradition, sich alles andere als gesundheitsbewusst zu verhalten. Jeder kennt dicke und unsportliche Mediziner. Ärzte rauchen und saufen zudem mehr als die übrige Bevölkerung. Sie sind häufiger tablettensüchtig oder von anderen Drogen abhängig und das nicht nur, weil sie in ihrem Berufsalltag nah an der Quelle sind, sondern weil sie die wundersamen Verwandlungen und Aufhellungen kennen, die der gezielte Einsatz von Pharmaka auszulösen vermag.
Mit Zigaretten gegen Alzheimer
Wahrscheinlich ist ihre heimliche Auflehnung gegen Gesundheits-Imperative und Wellness-Terror der Grund dafür, dass Ärzte seit Jahrzehnten unangefochten das höchste Prestige unter allen Berufen genießen. Zudem schaffen sie es, sich jedes Laster schönzuforschen.
Im Alkohol finden sie nicht nur individuellen Trost, sondern auch ein bisher zu Recht übersehenes Molekül, das verstopfte Arterien freipustet. Neurologen richten sich in Kliniken Räucherkammern ein, weil ein paar Forscher Faktoren im Nikotin entdeckt haben, die angeblich dem Gedächtnis zuträglich sind. Ich tue etwas gegen Alzheimer, sagt der Doktor, wenn er sich zur Zigarettenpause zurückzieht.
Menschen schätzen an Medizinern ihren zivilen Ungehorsam, ihre persönliche Renitenz. Wo Prävention zur Pflicht wird, bietet nur noch das Risiko Vergnügen. Letztens habe ich einen Arzt gesehen, der im Mittelmeerurlaub nicht mal Sonnencreme benutzte. Wahrscheinlich aß er auch keine Light-Produkte. Wer hat sonst noch den Mut, sich im Beruf trotzig dem Tod entgegenzustemmen und privat sein Leben aufs Spiel zu setzen?
Kürzlich kam ein Arzt vorbei und nahm maliziös lächelnd auf meinem gelben Sofa Platz. Er erzählte, dass er seinen Kindern gerade "Karius und Baktus" vorlesen würde. Die beiden Zahnkeime flehen gegen Ende des Buches elendig um Butterkuchen-Nachschub, nachdem ihnen Zahnbürste und Zahnarzt übel zugesetzt haben. Der befreundete Arzt isst für sein Leben gern Butterkuchen. Nach der Lektüre hat er seinen Kindern ein großes Blech mitgebracht. Wieder ein Triumph über die Gesundheitspolizei.
Dieser Widerstandsgeist ist nicht jedem gegeben. Ein Redaktionskollege beklagte sich vor kurzem bitterlich über seine Frau. Er habe zu Hause gesessen und nichtsahnend neue Panini-Fußballbilder ins Album geklebt. Da sei seine Frau gekommen und habe erst abschätzig auf seinen Bauch geblickt und ihm dann wortlos einen Artikel aus der Krankenkassen-Postille auf den Schreibtisch geworfen. Darin stand, wie sehr das Risiko für Herzinfarkt steigt, wenn der Bauchumfang ein bisschen wächst. Die Gefahr war schon im Alter von 35 Jahren unermesslich, ab 45 und einem Bauchumfang von 102 Zentimetern lag die Wahrscheinlichkeit weit über 100 Prozent.
Und der Kollege? War leider kein Mediziner und dem Gesundheitswahn schutzlos ausgeliefert. Keine Studie parat über Vorteile und Vorurteile zum stammzentrierten Bauchfett. Keine Entlastung, nirgends. Stattdessen: im Zimmer gesessen, Schokolade gegessen, geweint.
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(SZ vom 26./27.4.2008)