Von Werner Bartens

In der Krankenpflege werden die Ressourcen knapp - sowohl das Personal als auch das Geld. Die Leidtragenden sind die Patienten.

In manchen Situationen scheint jeder Ausweg verbaut zu sein. Gerade die Medizin schafft immer wieder solche hässlichen Aporien. Da ist beispielsweise der Fall der älteren Dame, die sich den Unterschenkel gebrochen hat, als sie auf einer Treppenstufe ausgerutscht war. Ausgerechnet auf der letzten Stufe.

Krankenhaus, dpa

Das Krankenhauspersonal ist knapp und überlastet - Patienten haben das Nachsehen. (© Foto: dpa)

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Erst tat es ein bisschen weh, dann wurde es immer schlimmer, und der Knöchel immer dicker. Sie wurde operiert, der Knochen dabei mit einer Platte verschraubt und stabilisiert. Vier Wochen lag die Patientin anschließend im Krankenhaus, hatte Liegegips und konnte sich kaum rühren. Der eine Arzt sagte, sie müsse schnell wieder auf die Beine kommen, ein anderer riet, sie solle sich schonen.

Die Pflegekräfte kümmerten sich rührend um die Patientin und überlegten mit ihr gemeinsam, wie es nach der Entlassung aus der Klinik weitergehen solle. Sie redeten mit den Angehörigen darüber, wie sie die Patientin erlebten und ihren Zustand einschätzten, sprachen der Kranken Mut zu, wenn sie wieder allein war.

Eine Krankenschwester sagte, dass es im Alter wichtig sei, den Fuß bald wieder zu belasten. Die andere gab zu bedenken, dass die Knochen nach so langer Liegezeit schon mal porös sein könnten. Das müsse nicht, könne aber zu einem erneuten Bruch führen, gerade in fortgeschrittenem Alter.

Die Patientin war unsicher, wie sie sich verhalten sollte. Die Physiotherapeutin in der Klinik hatte nur zweimal die Woche eine halbe Stunde Zeit für sie. Sie ließ die Patientin den Fuß ein bisschen belasten, nicht ganz, sondern nur teilweise, was nicht leicht ist. Dann riet sie der Patientin dazu, sich und ihr malades Bein wieder zu schonen. Man wisse ja nicht, wie der Knochen das mitmache, in ihrem Alter. Die Ärzte hätten sich unklar ausgedrückt und sie wolle nicht dafür verantwortlich sein, sollte der Knöchel erneut brechen.

Keine Zeit

Während der anschließenden stationären Kurzzeitpflege war leider das Personal knapp. Essen bringen, waschen und bei anderen Verrichtungen der Körperpflege helfen, klappte gerade noch. Um ein paar Schritte mit der Patientin auf dem Gang zu üben, blieb keine Zeit. Die Physiotherapeutin kam leider nur einmal die Woche.

Die Pflegekräfte rieten der Patientin dazu, nichts zu überstürzen, gerade in ihrem Alter. Der Hausarzt kam einmal in der Woche vorbei, hatte aber meist keine Zeit, sich die Sorgen der Patientin anzuhören.

In der orthopädischen Rehaklinik sollte die Patientin "wieder auf die Beine gestellt" werden. Das hörte sie dort zumindest am Anfang. Leider waren die phsysiotherapeutischen Anwendungen dort zeitlich sehr begrenzt, im Kurbetrieb werde gespart, sagte der Klinikleiter. Die Patientin konnte immer noch nicht besser laufen als zu dem Zeitpunkt, da sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war. "So was braucht Zeit", sagte einer der Pfleger. "Ich habe eine offene Stelle am Fuß", sagte die Patientin.

Es war der andere Fuß, nicht der operierte, der jetzt Probleme machte. Wahrscheinlich war er vom vielen Liegen wund geworden. Vielleicht auch von der ungewohnten Belastung, wenn die Patientin den operierten Fuß schonen wollte.

Sie brauche etwas mehr medizinische Hilfe und pflegerische Betreuung, sagte die Patientin. Ein Pfleger sagte, er könnte sich nicht um die offene Stelle kümmern. Die Verordnungen würden nur für den operierten Fuß gelten. Die Patientin gab vorsichtig zu bedenken, dass sie beide Füße zum Gehen braucht. Auf einem Bein kann man nicht stehen, das ließe sich nicht isoliert betrachten.

Die Patientin bekam in den nächsten Tagen ein paar Broschüren über Unfälle und Brüche im Alter in die Hand. Überall lautete der wichtigste medizinische Rat: Bleiben Sie mobil, um Komplikationen und frühe Gebrechlichkeit zu vermeiden. Tipp: Versuchen Sie möglichst schnell, wieder auf die Beine zu kommen.

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(SZ vom 20.02.2010/dog/pfau)