Von Werner Bartens

Manche Patienten vergessen ihr Leid ganz schnell von selbst - dank Vorführeffekt oder Abschreckungstherapie.

Es gibt unterschätzte Heilverfahren, die im Alltag viel zu wenig genutzt werden. Sie könnten das medizinische System grundstürzend ändern. Kopfpauschale, Bürgerversicherung oder Gesundheitsfonds - das versteht nicht nur keiner, es setzt auch am falschen Ende an.

Der Gedanke an Arzt oder OP lässt manchen Schmerz schnell schwinden. (© Foto: iStockphotos)

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Auf die richtige Lösung kann einen der Kollege bringen, dem es immer irgendwo weh tut und der Leiden kennt, von denen selbst Ärzte noch nichts gehört haben. Er ist ein ausgebildeter Kranker, der sich nichts einbildet, weil er natürlich alles spürt, was er sagt. Und er spürt viel.

Kürzlich kam er vorbei und setzte sich mal wieder auf mein gelbes Sofa - auf dem er sowieso Stammgast ist. Diesmal berichtete er von ominösen roten Stellen. Ärzte denken in Ekzemen oder Effloreszenzen. Stellen kennen sie nur aus dem Anzeigenteil im Deutschen Ärzteblatt. Der Kollege hatte angeblich welche auf der Haut. Sein maliziöses Lächeln hätte mich misstrauisch machen müssen, denn er wollte keinen medizinischen Rat, sondern nur seine triumphale Heilsgeschichte erzählen.

Vom Arzt hatte er sich eine Salbe verschreiben lassen, keine drei Euro hat sie gekostet. Artig bewahrte er sie im Badezimmerschränkchen auf, benutzt hat er sie nie. Plötzlich waren die Stellen weg. Erst glaubte er an eine geheimnisvolle Fernwirkung.

Vorführeffekt und Abschreckungstherapie

Vielleicht waren ja ätherische Öle, kortisonhaltige Schwebstoffe oder sonstige flüchtige Substanzen auf seiner geplagten Haut niedergekommen, während er im Badezimmer war. Wahrscheinlicher schien ihm aber, dass allein das Wissen um die griffbereite Therapie den roten Stellen sowas von Angst eingeflößt hat, dass sie sich davon machten.

Es gibt eine alte Weisheit über das Wesen der Medizin, die jene, die sie beruflich ausüben, gerne unterdrücken. Demnach besteht ärztliche Kunst vor allem darin, Patienten die Zeit zu vertreiben, während die Natur mit der Selbstheilung beschäftigt ist. Dieses Motto bewahrheitet sich zumindest im Redaktionsalltag immer wieder. Man muss der Selbstheilung allerdings auf die Sprünge helfen, besonders gut geht das mit Arztterminen oder Medikamenten.

Äußerst erfolgreich ist die akute Konfrontationstherapie. Kürzlich kam ein Kollege in mein Zimmer und klagte auf dem gelben Sofa über Schmerzen in der Seite, Abgeschlagenheit und Kreislaufbeschwerden. In dem Moment rief ein befreundeter Arzt an, und ich wollte gleich den Kontakt herstellen. Der Arzt ist gut, freundlich und wollte auch gleich einen Termin abmachen.

Der Kollege aber hob beschwichtigend die Hände, so als müsse er sofort unters Messer. Er murmelte: "So schlimm ist es auch nicht", und verließ das Zimmer. Ein paar Tage später darauf angesprochen, hatte er seine Beschwerden schon wieder vergessen.

Es ist wohl eine Mischung aus Vorführeffekt und Abschreckungstherapie. Wer sich stundenlang die Backe hält und an nichts anderes als seine Zahnschmerzen mehr denken kann, spürt plötzlich nichts mehr, sobald er auf dem Zahnarztstuhl sitzt. Soll der Freund den Computer reparieren, der seit Wochen nicht mehr geht, laufen wie von Wunderhand gesteuert wieder alle Programme, sobald der Nothelfer nur geklingelt hat. Und dem freundlichen Mitarbeiter der Service-Hotline kann man auch nur peinliches Stammeln entgegenbringen, wenn man ihn nach endlosen Tastenkombinationen am Apparat hat - das Gerät aber wieder funktioniert.

Noch besser funktioniert das mit Operationsterminen. Wahleingriffe sollte man schon jetzt mit viel Vorlauf buchen. Der Freund hatte Rückenschmerzen. Zwei Jahre Physiotherapie, eine Kur, ein Monat Intensiv-Reha-Training, täglich. Anfang November ließ er sich einen Operationstermin für Januar geben. Zwei Wochen später joggte er wieder, nahm seine rückenschonende Matratze und wandelte. Ach ja, die Partnerin hat er auch gewechselt.

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(SZ vom 22.11.2008)