Von Werner Bartens

Es gibt Mediziner, die interessieren sich nicht für das Leid ihres Gegenübers - sondern für dessen Beruf.

Kommt ein Journalist zum Arzt. Sagt der Journalist: "Mir tut es überall weh, ich habe Fieber und fühle mich furchtbar krank." Sagt der Arzt: "Sie haben aber einen interessanten Beruf."

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Eigentlich dachte man beim Arzt bisher: Endlich einer, der mich nur wegen meines Körpers will. (© Foto: iStockphotos)

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So oder ähnlich geht es derzeit vielen Kollegen, wenn sie mit rauen Bronchien, fiebrigem Kopf oder verdrehtem Knie einen Arzt aufsuchen.

In jüngster Zeit häufen sich auf meinem gelben Sofa die Klagen darüber, dass die Ärzte zwar alle Zeit der Welt zu haben scheinen, nach einem kurzen Gespräch über die Beschwerden aber über die Zeitung, die weltpolitische Lage, die Finanzkrise oder darüber reden wollen, wie die Umgehungsstraße in der Nachbarschaft zu verhindern sei.

Zuletzt ging es dem Lieblingskollegen mit den chronischen Kniebeschwerden so. Er war bei einem berüchtigten Orthopäden, der ihn sofort in ein Gespräch über das jüngste Konjunkturpaket verwickelte.

Zudem gab er ihm noch Botschaften für den Kollegen X aus dem Politikressort, Kollegen Y aus der Wirtschaft und die Kollegen Z aus dem Sport mit. Gegen Ende fühlte er sich als Simulant, weil seine Knieschmerzen nicht mehr angesprochen wurden und er ratlos die Praxis verließ.

Wen interessiert's?

Geht das anderen Berufsgruppen auch so? Kann man nicht auf eine menschenwürdige medizinische Behandlung hoffen, wenn man einen Job hat, für den sich der Arzt interessiert? Wird der Investmentbanker von seinem Arzt nach Anlagetipps gefragt, der Rechtsanwalt um Beistand in einem Kunstfehlerprozess gebeten, der Makler nach gut gelegenen Immobilien ausgehorcht und der Metzger nach seiner Bezugsquelle für das Rinderfilet?

Eigentlich dachte man beim Arzt bisher: Endlich einer, der mich nur wegen meines Körpers will.

Offenbar hat sich das geändert, auch Ärzte müssen sehen, wo sie bleiben. Ihr Interesse für bestimmte Berufsgruppen erklärt wohl auch die Verachtung, die sie zumeist für Lehrer übrighaben - aus ärztlicher Sicht ist das kein Beruf, sondern eine Diagnose. Ist er nicht zufällig Lehrer der eigenen Kinder, wirft der Pädagoge schließlich wenig Nutzen für Ärzte ab.

Er will seinen Burn-out bestätigt haben und taugt selten als Vermittler von günstigen Darlehen oder Villen in Bestlage. Lehrer müssen sich aber auch vorwerfen lassen, dass sie selten erkannt haben, was Menschen mit anderen uninteressanten Berufen längst wissen: Ist der Job nicht spannend genug, sollte der Arzt mit Weinpräsenten und anderen Naturalien gnädig gestimmt werden.

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