Von Werner Bartens

In Europa werden immer mehr bösartige Tumore diagnostiziert, aber die Zahl der Todesfälle steigt nicht an.

Auf den ersten Blick widersprechen die neuen Daten dem, was Krebsforscher wissen. Auf den zweiten Blick zeigen sie, wie schwierig gesicherte Aussagen über die Häufigkeit bösartiger Tumore sind.

Anzeige

Eine aktuelle Auswertung des Krebsforschungszentrums IARC in Lyon kommt zu dem Ergebnis, dass immer mehr Menschen in Europa an Krebs erkranken (Annals of Oncology, online).

Vor drei Wochen berichteten amerikanische Krebsforscher hingegen noch, dass in den USA die Krebssterblichkeit sinkt.

Wie viele Menschen an bösartigen Tumoren erkranken und sterben, ist gesundheitspolitisch brisant, denn die Zahlen sind Grundlage für die Debatte um die beste Vorbeugung und Behandlung von Krebs.

Gibt es demnach diagnostisch oder therapeutisch so starke Unterschiede zwischen Europa und den USA, die diese Diskrepanz erklären? Oder sind Europäer einfach mehr Risikofaktoren ausgesetzt als Amerikaner?

,,Seit 15 Jahren ist der Trend eindeutig, dass die altersentsprechende Krebshäufigkeit und -sterblichkeit in Europa wie in den USA zurückgeht'', sagt Nikolaus Becker, Epidemiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg.

,,Daran hat sich überhaupt nichts geändert.'' Becker spricht davon, dass ,,womöglich ein Riesenmissverständnis vorliegt''. Das liegt zum Teil auch an der Art, wie die neuen Daten aus Lyon präsentiert wurden.

3,2 Millionen Krebsfälle in Europa im Jahr 2006

Werden in Krebsstatistiken nur die absoluten Fallzahlen verglichen, bleibt unklar, ob die Bevölkerungszahl im Vergleichszeitraum zu- oder abgenommen hat. Steigt die Einwohnerzahl, gibt es schließlich auch mehr Krebsfälle. Genauso wichtig ist die statistische Abgleichung nach Altersgruppen: In Ländern, in denen die Menschen sehr alt werden und wenig Kinder geboren werden, gibt es ebenfalls mehr Krebs als in Nationen, in denen die Lebenserwartung gering und die Geburtenrate hoch ist.

Die Forscher des IARC, einer Organisation der WHO, bringen hauptsächlich absolute Fallzahlen, die sie aus Statistiken hochgerechnet haben. Demnach gab es 2006 in Europa 3,2 Millionen neue Krebsfälle im Vergleich zu 2,9 Millionen im Jahr 2004. Daraus machten manche Medien bereits einen Krebsanstieg um zehn Prozent. Gemäß der IARC starben 2006 etwa 1,7 Millionen Menschen in Europa an Krebs.

Was in der aktuellen Auswertung nicht steht: 2004 starben ebenfalls 1,7 Millionen Menschen in Europa an Krebs, die Sterblichkeit hat sich also nicht verändert. Der größte Killer unter den Krebsarten bleibt mit 334.800 Todesfällen Lungenkrebs, gefolgt von Dickdarmkrebs (207.400 Tote), Brustkrebs (131.900) und Magenkrebs (118.200).

,,Es ist nicht fair, hauptsächlich die absoluten Zahlen darzustellen'', sagt Alexander Katalinic, Sprecher der Krebsregister in Deutschland. ,,Selbst wenn die Bevölkerungszahl gleich bleibt, ändert sich ja das Altersspektrum.''

Hinweise dafür, dass zwar mehr Krebs entdeckt wird, die Tumore aber nicht häufiger zum Tode führen, finden sich in den Daten aus Lyon schon.Die Zahlen der IARC-Forscher um Peter Boyle belegen, dass durch verstärkte Programme zur Früherkennung die Zahl der diagnostizierten Tumore steigt. So hat Brustkrebs mit 429.900 Neudiagnosen Lungenkrebs als häufigste Krebsform 2006 abgelöst.

An zweiter Stelle steht nunmehr Dickdarmkrebs (412.900 Neudiagnosen), der ebenfalls durch verstärkte Früherkennung häufiger gefunden wird. Lungenkrebs, für den es keine spezifische Früherkennung gibt, liegt mit 386.300 Neudiagnosen auf Platz drei.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Das Krebs-Rätsel
  2. Seite 2
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Wüste bebt

Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...