Die Entwicklung von Medikamenten ist teuer, und Pharmafirmen müssen ihre Kosten decken und Gewinne einfahren. Doch es ist nicht sonderlich moralisch, arme Menschen zum Tod zu verurteilen, weil sie sich ein Mittel nicht leisten können.
Meist sind es Aids-Medikamente. Manchmal sind es Mittel gegen Leukämie oder gegen Hepatitis, Augenkrankheiten, Herzbeschwerden, Malaria. Die Umstände sind immer ein wenig anders.
Mutter und Kind, beide HIV-infiziert, in Simbabwe. Viele Menschen haben keinen Zugang zu Medikamenten, weil die zu teuer sind. (© Foto: AFP)
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Aber die Grundstrukturen gleichen sich: Ein westlicher Pharmakonzern stellt ein Medikament her oder besitzt ein Patent darauf. Es ist viel zu teuer für die Kranken und Gesundheitsämter der Dritten Welt.
Also werden solche Medikamente dort in den Pharmalabors als so genannte Generika nachgebaut. Manchmal legal als Lizenzprodukt. Meist unerlaubt und ohne Patentgebühren zu zahlen. Diese Generika werden dann in diesem Land zu einem weit günstigeren Preis verkauft. Oder in anderen armen Länder, die sich das Original ebenfalls nicht leisten könnten.
Diese Praxis ist überlebenswichtig für die Patienten in den armen Teilen der Welt. Aber sie ist ein Problem für die großen Pharmafirmen, denen die Patente gehören. Sie haben gute Gründe für ihre Einwände gegen Raubkopien. Forschung und Entwicklung solcher Medikamente, sagen die Pharmakonzerne, sind sehr teuer und stellen ein gewaltiges finanzielles Risiko dar.
Entwicklungskosten für ein Medikament: 500 Mio Dollar
Auf den westlichen Märkten gelten Patente für 20 Jahre. In dieser Zeit können Pharmafirmen soviel verlangen, wie der Markt hergibt - und hoffen, dass sie ihre Entwicklungskosten von durchschnittlich 500 Millionen Dollar für ein Medikament wieder einbringen und dann noch genügend übrig haben für ihre Forschung und ihre Aktionäre. Das stellt Industrienationen vor ein ethisches Problem, für das bisher keine Lösung in Sicht ist.
Es ist nicht sonderlich moralisch, arme Menschen zu einem langsamen Tod zu verurteilen, weil sie sich ein Medikament nicht leisten können, dessen Produktion an sich nicht viel kostet, sagen die Gegner dieser Praxis - nur wegen des so genannten geistigen Eigentums an einer Formel, manifestiert in einem Patent.
Gesundheit sei doch eigentlich ein Menschenrecht; und ein Medikament, das Leben rettet, kann nicht mit einem Fernseher verglichen werden, einem Computerprogramm oder einem Hollywoodfilm .
Und so erlaubte beispielsweise die indische Regierung jahrzehntelang ihren Pharmafirmen die Herstellung von Generika - und das Land versorgte bald die Hälfte aller HIV-Infizierten in Entwicklungsländern mit den notwendigen Medikamenten.
Es wäre andererseits auch nicht gerecht, Pharmakonzerne um einen Großteil ihrer materiellen Erträge zu bringen, die sie zunächst in die Forschung gesteckt haben. Der wirtschaftliche Anreiz würde gemindert.
Zunehmende Investitionen in Lifestyle-Medikamente
Das hat jetzt schon ein Problem mit sich gebracht, gegen das nur schwer anzukommen ist: In die Entwicklung sogenannter Lifestyle-Medikamente wie das Potenzmittel Viagra oder den Stimmungsmacher Wellbutrin werde ein Vielfaches an Forschungsgeldern gesteckt, wie in die Entwicklung von Medikamenten, die gegen Krankheiten, wirken, die vor allem in der Dritten Welt zu finden sind, wie eben Malaria oder Gelbfieber.
Jahrelang kämpfte man in der World Trade Organisation um einen Kompromiss, der beiden Seiten einigermaßen gerecht werden könnte. 1995 trat das so genannte Abkommen über Trips, trade-related aspects of Intellectual property rights, in Kraft, das handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen Eigentum regelt.
Es gab Ländern wie Indien, Brasilien, Südafrika, Thailand und China ein paar Jahre Zeit, ihren Umgang mit der recht freizügigen Produktion der medizinischen Raubkopien zu ändern. 2005 verabschiedete das indische Parlament unter diesem Abkommen ein Gesetz, das die Herstellung von Generika auf patentgeschützte Medikamente illegal machte.
Seitdem ist es sehr teuer geworden, die fast sechs Millionen Aids-Kranken zu versorgen, die allein in Indien leben. Ganz zu schweigen von den Kranken in anderen Entwicklungsländern.
Nun dürfen im Rahmen der Trips Patente gebrochen werden, wenn es ein Notfall in der öffentlichen Gesundheitsvorsorge eines Landes erfordert. Ist eine latente Aids-Epidemie kein Notfall?
Das Trips-Abkommen erlaubt, wenn es gar nicht anders geht, dass Regierungen Zwangslizenzen vergeben für die Herstellung eines generischen Medikaments - wenn der Besitzer eines Patents seine Rechte missbraucht, indem er beispielsweise das Produkt in einem Land entweder gar nicht anbietet - oder viel zu teuer. Dann allerdings müssen an den Patentbesitzer Lizenzgebühren gezahlt werden. Auch Medikamente, die vor 1995 auf den Markt kamen, dürfen nachgebaut werden.
Ein makaberes Spiel
Regierungen und Pharmaproduzenten in der Dritten Welt spielen manchmal ein makaberes Spiel, wenn es darum geht, das Beste aus den Trips herauszuholen. Mit ein paar Kniffen werden in indischen oder südafrikanischen Labors aus zwei oder mehr lizenzfreien älteren, oft nicht so wirkungsvollen Produkten neue zusammengesetzt, die den neueren, aber lizenzpflichtigen Medikamenten bis auf einige chemische Details gleichen.
Pharmafirmen versuchen eben das zu verhindern, indem sie genau diese Zusammensetzung als originäre Erfindung in denselben Ländern neu patentieren lassen.
GlaxoSmithKline versuchte das Anfang 2006 mit ihrem Präparat Combivir in Thailand und Indien - ein Kombinationspräparat aus den Mitteln AZT und 3TC für die Aids-Behandlung, die als Generika in der Dritten Welt, vor allem in Afrika, weit verbreitet sind. Als Aids-Selbsthilfegruppen der betroffenen Länder das herausfanden und Beschwerde einlegten, gingen Tausende auf die Straße und protestierten. GlaxoSmithKline zog seine Patentanmeldung schließlich zurück.
Der Schweizer Pharmakonzern Novartis versucht etwas ähnliches gerade mit dem Krebsmedikament Glivec. Und wieder protestieren in Indien die Menschen dagegen. Sie fürchten, dass mit einem solchen Patent ein Präzedenzfall geschaffen werden könnte.
Doch dieses makaberes Spiel ist bisher sehr einseitig. Während westliche Pharmakonzerne oft Milliarden mit Medikamenten durch Patente in Entwicklungsländern verdienen, schätzt die indische Regierung, dass weltweit jährlich 2000 Patente ausgestellt werden, die auf traditionellen indischen Heilmitteln basieren. Ohne Kompensation für Indien.
Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
(SZ vom 1.6.2007)
Partyzone Flußufer
Jährlich werden die Zulassungen von 400 Medikamenten widerrufen, die erhebliche und zum Teil sogar tödliche "Neben"wirkungen verursachen. Dies beweist nicht nur die Unwissenschaftlichkeit der Tierversuche, sondern auch, dass jedes neu in den Handel gebrachte Medikament ein völlig unkalkulierbares gesundheitliches Risiko - man nennt es im Pharma-Jargon verharmlosenderweise "Restrisiko" - für den Konsumenten darstellt. Daher wundert es nicht, dass in der BRD mehr Menschen an Arzneimittelnebenwirkungen sterben als im Straßenverkehr - nach zuverlässigen Schätzungen etwa 30.000 pro Jahr. Trotz der masslosen überproduktion von Arzneimitteln, von denen bereits 72.000 auf dem deutschen Markt existieren, sind wir insgesamt nicht gesünder, sondern nur medikamentenabhängiger geworden. 800.000 Medikamentensüchtige sprechen eine deutliche Sprache.
Es soll ja noch Menschen geben, die etwas umsonst machen, was anderen hilft. Ich möchte mal wissen, wieviel Fleming nach der Entdeckung des Penicillins bekommens hat. Damals waren die Zeiten anders, sagt ihr? So muss es wohl sein, wenn heute viele Menschen sterben müssen, damit der wirtschaftliche Anreiz nicht verloren geht.
Ein paar Anmerkungen:
Schutz gibt es ab Prioritätstag 21 Jahre maximal. Normalerweise. Pharmapatente haben eine Sonderrolle (die sie auf Grund hervorragender Lobby-Arbeit bekommen haben): Sie dürfen um so viel länger laufen, wie das Zulassungsverfahren dauert. Das ist in allen anderen Bereichen, in denen es auch Zulassungsverfahren gibt, nicht so.
Ein Patent auf traditionellen indischen Heilmitteln wäre nicht rechtsbeständig. Es sind viele Patente in der Welt, die nicht rechtsbeständig sind - das interessiert nur meist auch keinen, weil mit diesen Patenten nichts gemacht wird. Sobald jemand versucht aus Patenten Kapital zu schlagen, kann man aber sicher sein, dass die Messer gewetzt werden und solche Patente zu Fall kommen. Man sollte sich nicht durch Propaganda-Geschrei verrückt machen lassen.
Dass durch kleine Veränderungen an Mitteln, deren Patentschutz ausläuft, neuer Patentschutz erreicht werden kann, ist auch so ein spezifisches Problem der Pharma-Patente (auch in Deutschland) - da zählt die Erfindungshöhe gar nicht.
Das Problem der Arzneimittel für die Dritte Welt ist in meinen Augen eines der größten Probleme, die zur Zeit überhaupt vorhanden sind. Auf Druck der Pharmalobby kam TRIPS so überhaupt erst zu Stande. Kein Maschienenbauer interessiert sich ernsthaft für Nachbauten in Zentralafrika. Für mich als Patentanwalt ist es beschämend, dass mit Patenten auf Kosten oder auf Druck der Gesundheit (Pharmapatente in der 3. Welt) auf diese Weise Geschäft gemacht werden soll. Andererseits ist es natürlich so, dass es ganz ohne Schutz von Entwicklungen auch keine Medikamente für spezifische Krankheiten Afrikas gibt. Aber das ist Sache der Länder selbst und da sollten wir uns heraushalten. Meine Meinung ist, dass die Pharmaindustrie in der 1. Welt genug verdient, um über Nachbauten in der 3. Welt hinwegzusehen.