Massenhafter Zustrom 110 000 Flüchtlingskinder unter sechs Jahren

Kinder integrieren.

(Foto: Illustration Christine Rösch)

Kindertagesstätten:

Sie haben in ihrem kurzen Leben häufig nur Krieg und Angst erlebt, viele wurden sogar auf der Flucht geboren: Der Anteil an Säuglingen und Kleinkindern unter den in Deutschland lebenden Flüchtlingen ist hoch. Von Januar bis Juli 2015 verzeichnete das Bundesamt für Flüchtlinge 18 964 Erstanträge für Kinder zwischen wenigen Monaten und drei Jahren sowie 9635 Erstanträge für Vier- bis Sechsjährige. Das Familienministerium rechnet damit, dass bis Ende des Jahres rund 110 000 Flüchtlingskinder unter sechs Jahren hier leben.

Jedes Kind in Deutschland hat einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung - auch Flüchtlingskinder, sobald sie die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen haben. Das stellt die Erzieher vor eine große Herausforderung. Nach einer repräsentativen Erhebung des Lehrstuhls für Sozialpädiatrie der TU München unter syrischen Flüchtlingen in einer Erstaufnahmeeinrichtung leiden 22,3 Prozent der Kinder unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Michael Deckert, Kita-Fachbereichsleiter vom Caritas-Verband Würzburg, kann aus dem Alltag erzählen: "Die Kinder spielen alle fröhlich im Garten, plötzlich fliegt ein Rettungshubschrauber über das Gelände in Richtung Uniklinik. Die deutschen Kinder gucken hoch, lachen und winken - und die syrischen verstecken sich oder rennen vor Angst schreiend ins Haus."

Eine Erweiterung der Erzieherausbildung befürwortet daher Norbert Hocke von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. "Wir müssen die interkulturelle Kompetenz der Erzieher schulen, zusätzlich brauchen wir aber auch Trauma-Spezialisten." Der Deutsche Städte- und Gemeindebund plädiert für den Aufbau von Experten-Netzwerken, in denen sich Erzieher Rat holen können. In Sachsen wird dies in einem Modellprojekt erprobt: Zehn Kitas erhalten im Programm "Willkommens-Kitas" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung eine gezielte Beratung in Sachen interkulturelle Kompetenz. Das nutzt allen. Die Kinder lernen schneller Deutsch und leben sich besser ein, die Eltern finden Anschluss an andere Eltern und haben ihrerseits Zeit für Deutschkurse. Aber, so warnt der Städtebund: Die Kommunen schaffen das nicht alleine.

Text: Annette Zoch

Was Flüchtlinge im Gepäck haben

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