Massenhafter Zustrom Was die Flüchtlinge für den deutschen Alltag bedeuten

Wohnräume schaffen.

(Foto: Illustration Christine Rösch)

800 000 Flüchtlinge werden in diesem Jahr in Deutschland erwartet. Was heißt das für die Schulen? Für die Justiz? Und für das Gesundheitssystem?

Wohnen:

Sie leben in Containern, Zelten oder ehemaligen Baumärkten. Bei den kommunalen Quartiermeistern sind Turnhallen als provisorische Unterkünfte für Flüchtlinge besonders beliebt - einerseits: Hier gibt es Toiletten, Waschbecken, Duschen. Andererseits spüren die Bürger dort besonders, dass sie zusammenrücken müssen. Zum Beispiel, wenn Trainingsstunden der Vereine ausfallen.

Anders geht es kaum: 200 Flüchtlinge muss eine Stadt wie das badische Freiburg jeden Monat unterbringen, bald werden es 350 sein. Etliche von ihnen sollen in die lange als Uni-Bibliothek genutzte alte Stadthalle ziehen. Vom Vorsatz, Flüchtlinge zwecks besserer Integration in kleinen Wohneinheiten unterzubringen, hat sich der zuständige Bürgermeister Ulrich von Kirchbach (SPD) längst verabschiedet: "Wir müssen groß denken." Wohncontainer etwa bestellt die Stadt auf Verdacht - bei der derzeitigen Nachfrage sind fünf Monate Lieferzeit normal.

Wo und wie Flüchtende untergebracht werden

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Gerade in den Großstädten wird es immer schwieriger, Platz zu finden. Und teurer: In Berlin verzehnfachten sich die Unterbringungskosten pro Flüchtling binnen fünf Jahren - von knapp 800 auf mehr als 8000 Euro. Hauptgrund: Was als Unterkunft genutzt wird, muss oft aufwendig instand gesetzt werden. Dabei hat das Bundesbauministerium bereits viele Vorschriften für die Errichtung von Unterkünften gelockert, außer beim Brandschutz. Doch müssten in manchen Bundesländern für neue Wohnheime immer noch Autostellplätze nachgewiesen werden, klagt der Deutsche Städte- und Gemeindebund: "Es ist ein Irrsinn." Mit einem neuen Gesetz will der Bund nun weitere bürokratische Hürden aus dem Weg räumen.

Vor allem leiden die Kommunen darunter, dass die Erstaufnahmeeinrichtungen der Länder längst überquellen: 45 000 Plätze gibt es, mindestens 150 000 wären nötig. Und damit endet das Problem nicht. Gerade in Ballungsräumen bleiben Flüchtlinge viel zu lange in den Heimen, weil sie auf den angespannten Immobilienmärkten kaum günstige Wohnungen finden. Der Bund will nun prüfen, wie er den sozialen Wohnungsbau ankurbeln kann. Laut Bauministerin Barbara Hendricks (SPD) müssten jedes Jahr 350 000 Wohnungen gebaut werden, 2014 waren es 200 000.

Text: Jan Bielicki