Magersucht bei Männern Immer mehr Training, immer weniger essen

Sie fragen noch nach einem Vitaminpräparat, wenn sie kurz vor dem Zusammenklappen stehen. Experten schätzen, dass bis zu 25 Prozent aller Magersüchtigen Männer sind. Sich die eigene Essstörung einzugestehen, fällt den meisten sehr schwer. Auch Frank Menzel ließ sich erst behandeln, als er "psychisch völlig fertig" war.

Von Viktoria Großmann

Vier Treppen hoch, kein Aufzug. Es ist ein Altbau mit geschwungenem Geländer. Schön hier, mitten in der Stadt, nur über die Straße und man ist einer der schönsten Grünanlagen im Ort. Frank Menzel hatte an diesem Tag im Spätherbst 2010 keinen Sinn dafür. Er schaffte es kaum hinauf in seine Unterkunft. Er, der Sportler war zu schwach für die vier Treppen. Frank Menzel hatte Magersucht.

Athletisch hatte er sein wollen, attraktiv und stark, stattdessen wurde er immer schwächer. "Mein größter Wunsch war immer: Ich will schlank sein." Das Gefühl flüstert es ihm heute noch ein. Dass er nicht perfekt ist. Aber sein Verstand sagt ihm: Du willst nicht so schwach sein wie damals in diesem Treppenhaus. Nie wieder. Damals zog Menzel in eine therapeutische Wohngemeinschaft. Dort wollte er lernen zu essen. Die Kontrolle aufzugeben.

In seiner Wohngemeinschaft leben zeitweise bis zu acht Magersüchtige zusammen. Mindestens vier der Patientenplätze hier sollen immer mit Männern besetzt sein, aber wo gibt es schon magersüchtige Männer?

"Wenn der Hunger kam, bin ich rausgegangen, joggen"

Menzel tut sich bis heute schwer mit seiner Diagnose, lieber sagt er: "Ich habe eine Essstörung." Anorexia nervosa heißt seine Krankheit in der Medizin. "Man kann auch sagen: Anorexia athletica", fügt Menzel hinzu. Laienhaft ausgedrückt ist das Magersucht in Verbindung mit Sportsucht. Es ist die Form der Krankheit, die eher Männer heimsucht.

Erst immer mehr Training, dann immer weniger essen, bis sich der gewünschte Effekt - stark und athletisch auszusehen - in ein trauriges und gefährliches Gegenteil verkehrt. "Wenn der Hunger kam, bin ich rausgegangen, joggen", sagt Menzel.

Wie vielen Männern es so wie Menzel geht, wagt kein Arzt oder Psychologe genau zu sagen. Acht Prozent, zehn Prozent, vielleicht gar bis zu 25 Prozent aller Magersüchtigen seien Männer, heißt es. Insgesamt sollen etwa 100.000 Menschen in Deutschland an der Krankheit leiden. Eine Zahl, die schon die Zeitschrift Emma nannte, als sie 1984 zum ersten Mal über das Leiden berichtete. Eine andere Zahl haben die Experten bis heute nicht.

Dafür können sie recht konkret beschreiben, woran ihre Patienten leiden. Sie arbeiten in Kliniken in Prien am Chiemsee, in Bad Oeynhausen in Nordrhein-Westfalen, in Baden-Baden. Sie sagen Sachen wie: Fast jeder 20-jährige Mensch hat doch heute schon eine Diät gemacht. Und dass es nicht nur eine Krankheit des Überflusses sei, dass es sie als Form, sich selbst abzulehnen oder Kontrolle über sich zu bekommen, schon immer gegeben habe. Sie sagen, dass die Patienten spät zu ihnen kommen. Vor allem die männlichen kommen oft beinahe zu spät. Bis zu 17 Prozent der Betroffenen sterben an dieser Krankheit.

Nicht immer wird die Krankheit bei Männern gleich erkannt, dafür ist sie zu ungewöhnlich. Magersucht gilt als Frauenkrankheit. Zuvor haben Familie, Freunde und Kollegen lange nichts bemerkt oder sich nicht eingestanden, dass sie etwas bemerken. Daher die Schwierigkeit mit den Zahlen. Es gibt eine Dunkelziffer, eine Nicht-Hinseh-Ziffer.

Frank Menzel hatte sich vor seiner Diagnose schon einige Jahre lang isoliert. Es gab kaum jemanden, dem hätte auffallen können, wie dünn er ist, sagt er. Dünn heißt: 54 Kilo bei 1,81 Meter. "Ich habe mich nicht dauernd gewogen", sagt Menzel. Aber "leidenschaftlich" Kalorien gezählt. Es ging ihm um das Gefühl, leicht zu sein.

Festgestellt wurde seine Krankheit dann in einer Klinik, in die er ging, weil er "psychisch völlig fertig" war. Mit der Diagnose hatte er nicht gerechnet. "Typisch", sagen die Experten in Prien, Bad Oeynhausen und Baden-Baden. Männer kämen meist "unter fremdem Segel", die fragten noch nach einem Vitaminpräparat, wenn sie eigentlich kurz vorm Zusammenklappen stünden. Eine angebliche Frauenkrankheit will sich keiner eingestehen.