Männermanifest der Grünen Die neue grüne Männlichkeit

Sie sind jung und erfolgreich. Und doch haben 21 Grünen-Politiker keinen Bock mehr, Macho sein zu müssen. Das Männermanifest zur Bundesfrauenkonferenz.

Von Thorsten Denkler

Es gibt Begriffe, die klingen nach vergangenem Jahrhundert. "Männermanifest" gehört irgendwie dazu. So muss in den achtziger Jahren das Wort "Frauenrat" geklungen haben. Und doch ist das Männermanifest, um das es hier geht, hochaktuell, verfasst im April 2010, pünktlich zur Bundesfrauenkonferenz der Grünen an diesem Wochenende in Bonn.

In dem Papier sprechen die "männlichen Feministen". Und sie schwören darin jedwedem Machotum ab. Die Unterzeichner "wollen nicht länger Machos sein müssen", heißt es in dem Papier, denn: "Wir wollen Menschen sein."

Verfasst wurde das Manifest von 21 Grünen-Politikern, die es zu was gebracht haben. Initiator etwa ist Sven Lehman, Mitglied im Landesvorstand der NRW-Grünen. Unterschreiben haben es unter anderem der Hamburger Justizsenator Till Steffen und der Finanzexperte der Grünen Bundestagsfraktion, Gerhard Schick.

Sie alle wollen also raus aus der Gefangenschaft der anerzogenen, antrainierten und erwarteten Rollen- und Verhaltensmuster. Macho sein lohne nicht. Sie leben ungesund, haben nichts von ihren Kindern, vernachlässigen ihre Frauen. Stark sei nur der weiche Mann. Dem gehöre die Zukunft, ein langes Leben sei ihm gewiss.

Wer sich 40 Jahre lang den Buckel krumm schuftet, hat in der Rente nichts, wofür es sich zu Leben lohnt, sagt etwa der Männerforscher Jürgen Budde von der Universität Halle.

Jetzt wollen diese 21 haben, was Frauen auch haben. "Frauen haben heute mehr Optionen als Männer", findet Manifest-Autor Lehmann. Der Feminismus habe erreicht, "dass Frauen in den Blick genommen worden sind", sagt der Politiker sueddeutsche.de. Jetzt müsste auch mal ein Blick auf die Männer geworfen werden.

Der fällt zunächst einmal ernüchternd aus: Frauen in Deutschland sind besser in der Schule, können Bischöfin und Bundeskanzlerin werden, und - am allerschlimmsten - sie sind erfolgreicher im Fußball. Männer dagegen sterben früher, werden krank im und vom Job, degenerieren sozial. Die Ernährerrolle ist das einzige, was dieses Geschlecht noch jeden Morgen aufstehen lässt.

Das Frauen mehr Optionen haben, hat aber auch seine Tücken. Die Emanzipationsbewegung hat für die Frauen eine so nicht geplante Doppelbelastung mit sich gebracht. Kind und Karriere bedeutet: Sie sollen nicht nur gute Mütter und Partnerinnen sein. Sie sollen auch bitteschön gut im Job sein. Wenn schon Beruf, dann bitte richtig erfolgreich.

"Strukturelle Überforderung", nennt Männerforscher Budde das. Die könnte jetzt auch den Männern blühen, die Karriere und Kinder wollen, aber beides nicht unter einen Hut bekommen, weil in beiden Welten 100 Prozent Leistung gerade gut genug ist.

In ihrem Männermanifest wollen die Unterzeichner immerhin Gleichberechtigung nicht ohne oder gar gegen, sondern nur mit den Männern verwirklicht wissen. Da ist es gut zu wissen, dass Frauen und Männer im Kern unter dem gleichen Phänomen leiden. Nicht nur Frauen ächzen unter ihren Rollenerwartungen. "Das Diktum des sozialen Geschlechtes, des Rollenzwangs und der festgelegten Verhaltensmuster gilt ebenso für Männer", heißt es in dem Manifest.

Weil Männer von den Zwängen aber materiell und sozial immer profitiert hätten, werde erst in jüngerer Zeit klar, dass Geschlechterrollen auch für Männer ein Korsett seien, das ihnen unterm Strich mehr schade als nütze.

Ergo: "Wir brauchen ein neues Bewusstsein für eine neue Männlichkeit. Wir als männliche Feministen sagen: Männer, gebt Macht ab! - es lohnt sich." Diese Herren haben leicht Reden - sie haben es bereits zu einer Position gebracht, in der sich ihre Karriere leicht planen lässt. Und sie belegen in den Machstrukturen der Partei lediglich jene Plätze, die die Quote ihnen ohnehin zur Verfügung stellt, so dass sie für keine Frau den Platz räumen müssen. Zu verlieren haben grüne Männer mit so einem Satz also kaum etwas.

Schwieriger wird es, die neuen Männlichkeitsvorstellungen am Arbeitsplatz in die Tat umzusetzen. Der kinderlose Sven Lehmann etwa würde gerne Teilzeit arbeiten, verrät er. Aber sein Arbeitgeber lässt ihn nicht.

Dabei ist ein Anspruch auf Teilzeit gesetzlich verankert. Davon hat nur keiner etwas, wenn die Unternehmenskultur dem entgegensteht.

Männerforscher Budde stellt in diesem Zusammenhang fest, dass es einerseits eine erfrischend hohe Aktzeptanz für Männer gebe, die zwei Monate lang in Elternzeit gehen. Andererseits der durchflexibilisierte Arbeitsmarkt eine Mobilität verlangt, die es nahezu unmöglich mache, den grundlegendsten Familienpflichten nachzukommen. Mal ganz abgesehen davon, dass Frauen, die Beruf und Familie irgendwie in einen 24-Stunden-Tag zu pressen versuchen, Anerkennung in der Regel nur dann zuteil wird, wenn zufällig gerade Mutttertag ist. Da haben es die neuen Männer deutlich besser.

Die 21 Grünen fordern, die Elternzeit paritätisch aufzuteilen - und zwar verpflichtend. Dann müssten Männer wenigstens sechs Monate in Elternzeit gehen. Dies würde, so die Verfasser, nicht nur Vätern mehr Verantwortung abverlangen, sondern auch die Unternehmen und Arbeitgeber zum Umdenken zwingen, weil ein halbes Jahr Abwesenheit zu neuen Strukturen im Unternehmen führen müsste.

"Wir wollen keine Helden der Arbeit sein, wir wollen leben", schreiben sie. Sie wollen Macht, Verantwortung und Pflichten teilen und das Korsett alter Geschlechterrollen von sich reißen.

Eine schöne Vorstellung. Solange aber Männer mehr verdienen als Frauen, werden sie weiter in der Ernährerrolle gefangen sein. Es sei denn, sie nehmen einen sozialen Abstieg und einen damit untrennbar verbundenen niedrigeren Lebensstandard in Kauf. Dieser Preis aber ist selbst den Frauen oft zu hoch.