Kolumne Männer aktuell, diese Woche: Elemér

Elemér Fellner war ein eher kleiner Mann mit einem breiten Gesicht, Glatze und einem außergewöhnlichen Bart.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Der Urgroßvater unserer Autorin war ungarischer Jude, er wurde von den Nazis erschossen. In letzter Zeit, wenn etwa in Berlin ein junger Mann voller Hass auf einen Israeli einprügelt, muss sie oft an ihn denken.

Von Johanna Adorján

Mein Urgroßvater war ein eher kleiner Mann mit einem breiten Gesicht, Glatze und einem gewaltigen Schnurrbart. Das weiß ich von einem Foto. Ich kenne nur dieses eine Foto von ihm, da steht er in einem Garten und lacht, und neben ihm steht meine Großmutter, die ebenfalls lacht und die ich von alleine niemals als meine Großmutter erkennen würde, weil sie noch klein ist, vielleicht acht, neun Jahre alt, einfach ein lachendes, dunkelhaariges Mädchen mit seinem Vater im Sommer.

Er hieß Elemér, Elemér Fellner. Beziehungsweise Fellner Elemér, denn in Ungarn nennt man ja den Familiennamen zuerst. Er war Ingenieur. Er soll lieb und lustig gewesen sein. Mehr weiß ich nicht über ihn.

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In der Yad Vashem Database, der Zentralen Datenbank der Namen der Holocaustopfer, steht, dass er 1889 geboren wurde. Wohnort: Budapest. Schicksal: Ermordet. Quelle: Liste der ermordeten Juden aus Ungarn. Auch seine Frau finde ich in dieser Liste, die Mutter meiner Großmutter, Gizella, Gizella Fellner oder andersherum, Gizi genannt. Geboren 1896, Wohnort Budapest, Schicksal: Ermordet. Sie soll ein wenig melancholisch gewesen sein, Blumen geliebt haben, und ihre übertriebene Sparsamkeit ist in unserer Familie legendär. Meine Großmutter hat nie von ihnen gesprochen, mit mir nicht und soweit ich weiß, auch mit niemandem sonst. Sie hatten gelebt, sie waren gestorben, das war alles.

Gizella und Elemér Fellner wurden im Dezember 1944 erschossen, zusammen mit Tausenden anderen Juden, mitten in Budapest, am Ufer der Donau. Um Munition zu sparen, band man mehrere Menschen mit Draht aneinander. Der Kräftigste bekam die Kugel ab, stürzte in den Fluss und zog die anderen mit unter Wasser. So sind sie gestorben, Gizella und Elemér, 48 und 55 Jahre alt.

In den sozialen Netzwerken sehe ich verwackelte Bilder, auf denen zu sehen ist, wie ein junger Mann voller Hass mitten in Berlin-Prenzlauer Berg mit einem Gürtel auf einen Israeli einprügelt, "Yahudi" ruft er dabei, Jude. Beim Echo, der lächerlichsten Preisverleihung der Welt, bei der ausgezeichnet wird, was sich halt am meisten verkauft, trat, wie offiziell angekündigt, ein Antisemit auf. Seither wird mal wieder viel geredet in Deutschland, die erste Erregungswelle schwappt gerade ab. Die eingebildeten Experten haben auf Twitter oder in Talkshows ihre jeweiligen Meinungen kundgetan, es wurde sich ironisch darüber mokiert, dass einige Preisträger aus Protest ihre Trophäen zurückgaben ("wohlfeil"), es wurde über Campino gespottet, der während der Preisverleihung als Einziger etwas Kritisches sagte, ("Klassensprecher", "früher war er cooler"). Ansonsten ging es vor allem um Battlerap. Den unfassbar unsympathischen Rapper, einen geistlosen Menschen ohne Anstand oder Eleganz, wird's gefreut haben. Deutsche haben Menschen in Konzentrationslagern systematisch mit Giftgas ermordet, aber Deutschland heute so, hey, Schwamm drüber, ist doch geil für 'nen abgefuckten Reim, regt euch ab, ihr Spießer.

Oder neulich in München. Nette Abendessensrunde, alle so Mitte 30. Ein Gast erzählt etwas, das die Vermutung nahelegt, dass er offenbar aus einem wohlhabenderen Elternhaus stammt. Ob er Jude sei, fragt die nette Runde.

Ich denke viel an meine Urgroßeltern in letzter Zeit.

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