Als Ina darauf empört etwas erwidern wollte, sagte er: "Ich mach dir ein Angebot: Ich ziehe meinen Mantel drüber, dann sieht man fast nichts mehr von der Hose". "Nicht den Mantel, bitte!", flehte Ina. Der Mantel war mit Abstand das Schlimmste an seiner Garderobe. Er war schäbig und straßenkötergrau. Außerdem hatte das Futter in den Taschen Löcher, so dass manches von dem, was Hannes im Laufe der Jahre hineinsteckte, in den Saum des Mantels wanderte und dort unschöne Wülste verursachte.

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Hannes stopfte Handy, Hausschlüssel, Geldbeutel, Zigaretten, einen Taschenschirm, Tempos und einen zusammengerollten Prospekt in die ausgeleierten Taschen und verließ das Haus. Ina wandte sich erschüttert ab. Hoffentlich verlief er sich und fand nie wieder heim. Und: Hoffentlich traf er auf dem Weg in die Hölle keinen gemeinsamen Bekannten.

Immerhin musste sie nicht zusammen mit ihm auf die Straße. Es gab da nämlich einen sonderbaren Zusammenhang: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie dann jemanden trafen, war umso größer, je geschmackloser das Outfit von Hannes war. Es war wie mit der Zigarette und dem Bus, der kam, sobald man sich eine angezündet hatte. Wie mit dem Schirm, den man immer dann vergaß, wenn es regnete. Bis man irgendwann erkannte: Es regnet eigentlich nur, WEIL man ihn zu Hause gelassen hatte. Wenn sie also einen alten Bekannten wiedersehen wollte, musste sie nur mit Hannes durch die Gegend laufen, wenn er besonders peinlich gekleidet war.

Spitzen-Argumente

Ina beneidete Frauen, deren Männer guten Geschmack hatten und sich gepflegt kleideten. Sie wusste, dass es sie gab. Auch, wenn ihre Mutter immer behauptete, dass diese Wesen zu 90 Prozent schwul seien. Das sagte sie sicher nur, um sie zu trösten. Inzwischen beneidete Ina sogar Frauen, deren Männer keinen Geschmack hatten, und die Kleiderfrage ihnen überließen. Die konnten ihren Partner nach Belieben gestalten, fast wie ihre Anziehpuppen aus der Kindheit. Blöd war nur, dass man ihnen jeden Tag die Sachen aufs Bett legen und bei jedem Urlaub die Koffer packen musste. Darauf hatte Ina überhaupt keine Lust. Also versuchte sie es auf ihre Weise.

Als Hannes eines Abends nach Hause kam, kam sie ihm in einem seidenen Morgenmantel entgegen, darunter hauchzarte Spitzendessous. "Wow! Sieht ja toll aus!", sagte er begeistert, warf seine Tasche in die Ecke, schälte sich aus seinem Mantel und steuerte auf sie zu. "Wenn es nur nicht so unbequem wäre!", jammerte sie. "Das Zeug zwickt und kratzt irgendwie." "Bestimmt gewöhnst du dich daran, warte einfach ein bisschen", versuchte er es. "Es hat keinen Sinn, ich zieh mich lieber um", quengelte sie. "Muss das sein?", fragte er enttäuscht, während sein Blick auf ihrem Po haftete.

Als sie zurückkam, trug sie Baumwollunterwäsche, ein weites Shirt mit Teddybärmotiv und eine ausgebeulte Jogginghose. "Na, wie gefällt dir das?", fragte sie. "Muss ja unheimlich bequem sein", stellte er missmutig fest. "Mindestens so bequem wie deine Cordhose". Hannes sagte lange nichts. Dann stand er auf und ging zu seinem Schrank.

Am nächsten Tag brachte Hannes einen Sack zur Altkleidersammlung. Darin befand sich: Eine ausgebeulte Cordhose, ein Paar Schuhe, ein Shirt mit Teddymotiv und eine Jogginghose. Mit einem Seufzer schob er den Sack durch die Luke. In letzter Sekunde überlegte er es sich anders und angelte seine Hose heraus, bevor er den Rest in den Container fallen ließ. Er rollte sie zusammen und verbarg sie unter seinem Mantel. Dabei fühlte er sich wie ein Dieb.

Die Hose lag an einem sicheren Ort. Ina ist noch heute der Meinung, sie hätte den Kampf gewonnen. Und in den auberginfarbenen Dessous sieht sie einfach hinreißend aus.

Die Kolumne "Luft und Liebe" erscheint jeden Mittwoch auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/luftundliebe

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(sueddeutsche.de/mmk)