"Uns gibt's nur im Doppelpack!" Mit diesem nervigen Schlachtruf stürzen sich viele Paare in eine Beziehung - und damit in die Isolation.
Chang Bunker hatte es nicht leicht: Wenn er mal aufs Klo musste, ging sein Bruder Eng mit. Wollte er schlafen, legte sich Eng neben ihn ins Bett. Sogar beim Sex war er dabei - obwohl das Mitte des 19. Jahrhunderts alles andere als normal war. Doch dafür gab es einen trifftigen Grund: Chang und Eng Bunker waren an der Körpermitte zusammengewachsen und galten als jene siamesischen Zwillinge, die dieser Laune der Natur ihren Namen gaben.
Wenn einer ohne den anderen nicht leben kann, sollte er es zumindest allein aufs Klo schaffen. (© Foto: iStock-Photos)
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Umso verwunderlicher ist es, dass es immer wieder Paare gibt, die das Leben siamesischer Zwillinge führen, obwohl ihre Körper gar nicht zusammengewachsen sind. Solche Menschen sagen dann Sätze wie: "Ich bin müde, kommst du?" Man könnte glauben, sie wurden nach der Geburt getrennt, in verschiedene Kontinente geschickt und durch eine wunderbare Fügung des Schicksals wieder vereint.
"Nur im Doppelpack!" steht ihnen auf die Stirn geschrieben. Wenn sie könnten, würden sie ihren Partner ins Büro und aufs Klo mitnehmen - ganz freiwillig.
Hätten Chang und Eng die Wahl gehabt, ihr Leben wäre sicher anders verlaufen. Chang hätte nicht immer sonntags in die Kirche gehen müssen, wenn Eng sein Heil im christlichen Glauben suchte. Und Eng wäre vielleicht ein bisschen durch den Park gelaufen, statt neben Chang zu verharren, der seinen Liebeskummer in Alkohol ertränkte. Vielleicht wären sich die beiden an jenem unglückseligen Tag einfach aus dem Weg gegangen, statt sich im Streit krankenhausreif zu prügeln.
Da sieht man mal, was dabei herauskommt, wenn man immer aufeinanderhockt!
Wenn zwei Menschen eine Partnerschaft eingehen, so tun sie sich in der Regel zusammen, weil sie sich zu zweit besser fühlen als allein. So weit so gut. Doch bei manchen Paaren hat man den Eindruck, sie fühlen sich ohne den anderen geradezu amputiert.
Von der Phase der Verliebtheit wollen wir hier gar nicht reden, da sind wir alle nicht normal. Kein zurechnungsfähiger Mensch würde Liebesgrüße an Menschen mit Tiernamen durchs Radio jagen, Annoncen in Babysprache veröffentlichen oder Gedichte schreiben, deren Pathos selbst Rosamunde Pilcher die Tränen in die Augen triebe - von poolplanschenden Politikern auf Mallorca ganz zu schweigen ...
Aber irgendwann sollte das wieder aufhören. Dann ist alles gesagt, geschrieben, gefühlt, das Herz darf sich wieder beruhigen und seinem eigentlichen Job nachgehen: Blut transportieren, mit Sauerstoff anreichern, und sonst nichts.
Bei einigen Paaren jedoch tritt eine Normalität niemals ein. Was nicht bedeutet, dass sie für immer und ewig verliebt bleiben. Sie betreten nur eine vollkommen neue Sphäre: Die Wir-Ebene. Sie sprechen eine Sprache, in der die erste Person Singular abgeschafft wurde: "Wir sind müde", "Wir haben Hunger", "Wir mögen keine Shrimps".
Diese Äußerungen entspringen einer Bewusstseinsebene, die vergleichbar ist mit einem Phantomschmerz: Ein nicht vorhandenes Körperteil sendet Signale, die es gar nicht geben kann. So weiß der eine ganz genau, was gut für den anderen ist, und das ganz ohne dessen Zustimmung: "Du hast genug getrunken, und außerdem rauchen wir nicht mehr, stimmt's?" oder: "Mensch hab ich einen Hunger. Nimm aber die Pizza mit Schinken, ich mag keine Sardellen".
Nun geht die Art und Weise, wie zwei ihre Beziehung führen, niemanden etwas an, der nicht Teil dieser Beziehung ist. Doch genau da liegt das Problem: Was tun, wenn man dazu gemacht wird?
Wer hat schon Lust, sich bei einem alten Kumpel auszuheulen, wenn seine neue Flamme danebensitzt und er beteuert: "Du, das geht schon in Ordnung. Wir haben keine Geheimnisse voreinander". Ist ja beruhigend, denkt man sich. Wenn sie meine Lebensgeschichte bereits kennt, nervt sie mich wenigstens nicht mit Floskeln wie: "Und, was machst du so?" Mit der Zeit aber fallen einem all die Dinge ein, die man in einem weinseligen Moment ganz im Vertrauen über sich erzählt hat. Und plötzlich kommt ihr nettes Lächeln ziemlich süffisant rüber.
Ebenso ist es nicht leicht, Haltung zu bewahren, wenn die beste Freundin zum Yoga plötzlich mit einem smarten Typen im Schlepptau erscheint, der als "das isser!" vorgestellt wird und von da an die wöchentliche Zusammenkunft vom Sonnengebet bis zum Om-Singen bereichert.
So mancher Lebensgefährte würde sich lieber totlachen, als Yoga zu machen. Muss man ihn nun jedesmal mitschleppen, nur um zu beweisen, dass die Beziehung intakt ist? Lieber nicht, sonst wäre sie es die längste Zeit gewesen.
Neulich bekannte eine frisch Verliebte im Freundeskreis: "Ich verstehe nicht, was er an dieser Kletterei findet. Da kriegt man doch ganz schwielige Hände von!" Auf die Idee, es sein zu lassen, käme sie nicht - er kann doch nicht allein. Was, wenn ihr Freund nun auf Pimp-my-Ride-Shows stehen würde?
Gemeinsame Interessen sind eine gute und wichtige Voraussetzung. Keine gute Voraussetzung ist es, seine eigenen Bedürfnisse dabei zu vergessen. Sonst landet man schnell im Partnerlook-Pyjama auf der Zweisitzer-Couch und fragt sich beim Lauschen der Kuschelrock-CD eines Tages: Warum ruft eigentlich keiner mehr an?
Chang und Eng Bunker haben das gut hingekriegt. Sie heirateten die beiden Schwestern Adelaide und Sarah Yates. Weil die Natur sie nun einmal so eng aneinander gebunden hatte, arrangierten sie sich überaus diplomatisch: Mit ihren insgesamt 22 Kindern wohnten sie abwechselnd mal in der Wohnung des einen Ehepaares, mal in der anderen.
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Viele Väter Neuigeborener sagen auch: "Wir stillen". Eine lustige Vorstellung...
Da gibt es doch auch ein siamesische Pärchen - die sich dann herrlich wegen Birne Helene streiten trotz vorherigem "Wir streiten nie!!"
Generell ist es ja Sinn und Zweck einer Partnerschaft gemeinsam Zeit zu verbringen - und das freiwillig und gern. Alles andere ist eine Zweckgemeinschaft. Sich jedes mal neu vorstellen zu müssen, weil jeder in seinem Freundeskreis und dazugehörigen Freizeitaktivitäten aufgeht - hallo ersma, ich bin der Franz; Schau, bub, das ist dein Papa - ist ja auf dauer auch eher anstrengend. Aber welcher Mann will schon freiwillig alles mitmachen was Frau als must-have ansieht. Und umgekehrt natürlich.
Das scheint dann wohl auch der Grund zu sein, warum die Borg in "Star Trek" zu den beliebtesten Bösewichten zählen ;)
Mein persönlicher Favorit ist, wenn Männer im Kreissaal bei der Entbindung dann sagen, wir wollen keine PDA, wir ertragen die Schmerzen!
Aber genug mit den Lästereien, in Wirklichkeit zeigt doch so ein symbiotisches Leben nur einen eklatanten Mangel an Identität und Persönlichkeit. Das Leben fordert aber von uns die stetige Entwicklung beider. Die gelebten Abhängigkeiten erschweren dies unsäglich und der Lernprozess wird umso schmerzhafter.
Rüdiger Hoffmann über "Ulla und Jochen": "Und wenn sie mal ne andere Meinung haben, dann haben sie die auch beide..."
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