Lügen als Erziehungsmethode "Wenn du das nicht isst, wirst du blind"

Drohen, lügen schmeicheln - die meisten Eltern arbeiten mit unlauteren Methoden.

(Foto: imago stock&people)

Drohen, Lügen, Schmeicheln - laut einer aktuellen Familienstudie manipuliert die Mehrheit der Eltern in den USA und China ihre Kinder mit unlauteren Methoden.

Von Violetta Simon

"Wenn du jetzt nicht gleich vom Boden aufstehst, geht die Mama allein nach Hause!" Solche Äußerungen sind Eltern mehr oder weniger vertraut. Sie sollen eine nervenaufreibende Situation abkürzen. Andere Notlügen - wie zum Beispiel "Nicht jetzt, ein andermal!" - dienen dem Selbstschutz und der Erhaltung des Familienfriedens.

Doch wie weit darf man mit den kleinen Schwindeleien gehen? Einer aktuellen Studie zufolge werden diese unnötig oft eingesetzt. Wie die BBC in ihrer Onlineausgabe berichtet, haben Wissenschaftler aus Kalifornien, China und Kanada die pädagogischen Maßnahmen der Eltern in den jeweiligen Staaten verglichen und sind zu einem verblüffenden Ergebnis gekommen: Wenn es der Erziehung des Kindes dient, wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Wobei die Forscher solche Lügen weniger als perfide bezeichnen, sondern als "instrumentell", schließlich dienen sie einem praktischen Zweck.

Zu den häufigsten Einschüchterungsmethoden der Eltern sowohl in den USA als auch in China gehört dem Bericht zufolge, so zu tun, als würden sie weggehen und das Kind seinem Trotzanfall überlassen. "Die Verbreitung dieser Lüge hängt offenbar damit zusammen, dass Eltern so häufig mit der Situation konfrontiert sind, einen Ort gegen den Willen ihrer Kinder verlassen zu wollen", zitiert die BBC die Wissenschaftler.

Beim Thema Süßigkeiten und Ernährung beweisen Eltern da schon mehr Phantasie. Die Drohungen reichen von der Ankündigung, ein Wörtchen mit der Zahnfee zu sprechen, bis hin zur Prophezeiung, das Kind würde mit jedem Bissen Brokkoli größer werden - oder aber erblinden, wenn es ein bestimmtes Gemüse nicht esse. Ebenfalls in beiden Staaten sehr beliebt sei das Versprechen, ein Spielzeug nicht jetzt, aber dafür ganz sicher zu einem anderen Zeitpunkt zu kaufen, obwohl man gar nicht vorhat, es seinem Kind jemals zu schenken. Auch wenn es um die Begabung ihres Sprösslings geht, scheuen Eltern nicht vor Schwindeleien zurück und schmeicheln: "Du hast ganz toll Klavier gespielt."

Doch Lüge ist nicht gleich Lüge. Bei ihren Untersuchungen unterschieden die Forscher verschiedene Arten von Unwahrheiten, wie zum Beispiel solche, die sich auf schlechtes Benehmen bezogen. So würden Eltern häufig drohen: "Wenn du nicht brav bist, rufe ich die Polizei" oder "Wenn du nicht gleich Ruhe gibst, wird die Dame dort drüben sehr böse mit dir!". Geradezu harmlos seien solche Aussagen jedoch gegen haltlose Androhungen, die den Wissenschaftlern zufolge unter die Kategorie "Komm mit oder lass es bleiben" fallen: "Wenn du jetzt nicht mit mir mitgehst, wird ein Kidnapper kommen und dich entführen!".

Oft würden Eltern auch zu Lügen greifen, um ihr Kind vor seelischen Verletzungen zu bewahren. "Dein Haustier ist weggelaufen zur Farm deines Onkels, weil es dort mehr Platz zum Herumtollen hat" klingt nun mal erträglicher als die Vorstellung, es sei überfahren worden. Und auch Eltern schützen sich zuweilen selbst und verwenden dann Ausreden wie: "Ich hab gerade kein Geld dabei, wir können ja ein andermal wiederkommen."

Dem Bericht zufolge betrachten die Wissenschaftler die Ergebnisse dieser Studie mit Sorge. Sie befürchten, dass der allzu sorglose Umgang mit der Wahrheit sich langfristig auf die familiäre Beziehung auswirke, wenn die Kinder älter sind. Eltern sollten sich die wichtige moralische Frage stellen, so die Forscher, wann ihre Lügen, wenn überhaupt, gerechtfertigt seien.

Eine Lüge jedoch haben wohl schon zahllose Eltern benutzt, sie hat in vielen Familien sogar Tradition: Die Mär vom Christkind, das nur braven Mädchen und Buben Geschenke bringt. Es soll sogar Kinder geben, die - selbst wenn sie nicht brav sein wollen - darauf bestehen, an diesen Mythos zu glauben.