Eine toskanische Stadt setzt sich dem Vorwurf des Gastro-Rassismus aus: In Lucca will man die italienische Küche fördern, indem man fremdländische Lokale verbietet.
Sie ist mal Segen, mal Fluch für Lucca, die größte vollständig erhaltene Stadtmauer Europas. Vier Kilometer lang ziehen sich die Festungswälle aus rötlichem Ziegel um das Centro Storico. Diese Mauern hielten viele Feinde fern und schützten die stolzen, freien Bürger. Später engten sie Lucca jedoch ein und schnitten das Zentrum von der Moderne ab. Heute wirkt sich das als Segen aus: Unzählige Touristen flanieren auf den Mauern und bummeln durch die Altstadt, die mit ihren Palazzi aus dem Mittelalter und der Renaissance, ihren Flaniergassen und den historischen Geschäften die schönsten Toskanaträume übertrifft.
Bild vergrößern
Pasta, basta: In der italienischen Stadt Lucca sind ausländische Restaurants in der Innenstadt verboten. (© Foto: AP)
Anzeige
Nun aber wähnen die mehrheitlich rechts-konservativen Stadtväter diese Welt in Gefahr. Fremdes, Billiges, Lautes und Hässliches niste sich in den ehrwürdigen Gemäuern ein, beklagen sie. Hamburgerrestaurants, Straßenimbisse, fremdländische Lokale bedrohten das Stadtbild und die heimische Esskultur. Fünf Kebab-Stände für 8000 Einwohner seien doch wohl ein bisschen viel, finden die Räte. Zudem schlägt es ihnen auf den Magen, dass die Frittenbuden bereits bis in die stimmungsvolle Via Fillungo mit ihren Jugendstilläden vordringen.
Daher entschied der Stadtrat jetzt mit seiner konservativen Mehrheit: Genug ist genug. Fortan werden keine neuen Schnellimbisse mehr genehmigt. Die Restaurants haben sich edel einzurichten, die Kellner elegante Uniformen anzuziehen. Zudem sollen mehr traditionelle Luccheser Gerichte auf die Speisekarten kommen, Dinkelsuppe oder "Torta coi becchi", eine Torte aus Mangold, Rosinen und Pinienkernen. Zudem bestimmte der Stadtrat, dass keine Lokale mehr eröffnen dürfen, "deren Aktivitäten auf andere Ethnien zurückzuführen sind". Addio Kebab, Sushi, Frühlingsrollen.
Die letzte Regelung löste Empörung in Italien aus. Linke Politiker werfen dem Gemeinderat vor, er wolle Ausländer diskriminieren und betreibe "gastronomischen Rassismus". Andere argwöhnen, hier solle via Küche ein Apartheid-Regime wie einst in Südafrika errichtet werden. Der Küchenkritiker Vittorio Castellani klagt: "Italien erweist sich als fremdenfeindlich und schämt sich nicht einmal mehr dafür." Der Schriftsteller und Journalist Massimo Fini moniert, der Begriff "Ethnien" diskriminiere gezielt andere Rassen. Deswegen dürfe in Lucca kein Schwarzer mehr ein Restaurant aufmachen, wohl aber ein Deutscher mit seinen "Krauti" und "Kartoffeln".
Die derart gescholtenen Stadtpolitiker versuchen sich zu wehren. "Wir führen keinen Kreuzzug", versichert Mauro Favilla, der Bürgermeister von Lucca. Der Stadtrat habe nichts gegen Ausländer, sondern wolle lediglich die kulinarische Tradition und das Ortsbild innerhalb der Mauern erhalten. Von den Verboten seien genauso italienische Schnellimbisse, etwa Pizza-Stände, betroffen. Außerdem bekomme die Stadt auch viel Unterstützung für ihre Beschlüsse.
Esst Schinken und Salami!
Tatsächlich lobt der italienische Landwirtschaftsminister Luca Zaia: "Solche Initiativen sind willkommen." Es sei besser, wenn die Jugend edlen Schinken und Salami esse, als Kebab. So nehme sie auch etwas von der Geschichte ihres Territoriums auf. Die Region Lombardei überlegt derweil, ähnliche Regeln wie die Stadt Lucca aufzustellen. In Mailand würden bereits ein Viertel der Restaurants, Lokale und Bars von Ausländern betrieben, die nicht aus der EU kämen, stellte die Handelskammer der Stadt fest.
In der Regierung der Lombardei heißt es: "Wir verlieren unsere Identität, wenn die charakteristischsten Ecken unseres Territoriums ausverkauft werden." Im Küchenkrach um Lucca gehen die Ansichten also weit auseinander. Geht es um Rassismus oder den Erhalt lokaler Traditionen? "Das ist wirklich ein schwieriges Problem", meint der Deutsch-Toskaner Ulrich Kohlmann. Er arbeitet als amtlich geprüfter Fremdenführer in Lucca und organisiert kulinarische Reisen, sodass er die Küchenprobleme bestens kennt. Das ästhetische Bild der Altstadt sei ein kultureller Wert, von dem die Luccheser lebten, sagt er. Denn deswegen kämen die Touristen ja nach Lucca. Daher sei es richtig, wenn die Gemeinde ihre lokale Gastronomie und ihr Stadtbild schützen wolle.
"Es wäre nicht schön, wenn irgendwann alle Städte gleich ausschauen, mit einem Gucci-Geschäft und ein paar Kebab-Buden, egal ob man nach Shanghai, München oder Lucca kommt", sagt Kohlmann. In Lucca gehe es darum, die hässlichen Seiten der Moderne auszusperren, mit ihrer schrillen Reklame, Plastik und Wegwerfkultur. "Ich sehe ja, was da in Pisa und Florenz abläuft, und das ist wirklich schlimm." Die umstrittenen Regeln des Stadtrats gingen jedoch zu weit, weil das Verbot neuer "ethnischer" Lokale auch hochwertige Restaurants betreffe. "Lucca soll sich gegen Fastfood sperren - ohne sich gegen gute Küche aus anderen Ländern einzumauern."
Die Volksmusik wurde oft totgesagt. Der Österreicher Andreas Gabalier verleiht ihr einen neuen Hüftschwung. Über einen jungen Mann und sein bewegtes Leben. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Streit um Prosecco Träume sind Schaumwein 30.12.2008
- Esskultur Warum essen die sowas? 26.02.2008
- Mode statt Mafia Hut ab! 26.12.2008
(SZ vom 30.01.2009/jkr)
hurra, das brauchen wir auch, bis uns die schweinswürstl aus dem feisten knödelgesicht wachsen....
..ach übrigens @männerbeauftragter. bei mir ums eck gibts ein böhmisches lokal. da böhmen allerdings teil der tschechischen republik ist, hätte das bei 1:1 übernahme der regelung sicherlich auch probleme.
Was soll das Multikultiessen eigentlich bringen? Das sich der Proll zuhause (McDoof) fühlt? Wenn man schon in ein anderes Land fährt will man doch auch nicht denselben Müll wie daheim "verkosten". Die ewig gleichen Griechen und Chinesen und selbst der gute Japaner, Vietnamese oder Thailänder. Da es die bei Uns in allen Qualitätsstufen gibt, wozu dann noch nach Italien reisen?
Wäre konsequent und lobenswert, wenn man in Deutschland auch noch mal böhmisch essen könnte. Aber soviel Mumm und Esskultur haben eben nur die Italiener :).
"Beim McDonald und Co könnte man halt etwas Geld sparen " ... naja, das ist zumindest in Italien so nicht richtig. In einem günstigen Bürgerlokal isst man dort wesentlich preiswerter als bei MacSchlecht und seinen Freunden. Den 1-Euro-Burger gibt es nur in Deutschland.
Sie fahrenb als Hartz IV Empfänger in die Toskana in Urlaub? Wovon erholen Sie sich denn da? Von der anstrengenden Arbeit?
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
Paging