Lob der Realität Anranzungs-Geneigtheit unter Ehepaaren, regional geordnet

Wo immer man hinzieht in Deutschland, es empfiehlt sich, vorher Informationen einzuholen, wie es zugeht zwischen Mann und Frau. Was für ein Klima herrscht, wenn gemotzt und gemosert wird.

Von Peter Licht

Im Ruhrgebiet ranzen die Frauen die Männer an, und die Männer brummen und schmunzeln dazu. Selten oder nie ranzen Männer hier zurück oder starten initiativ mit der Beranzung der Frauen. Egal wie aggressiv die Frau ihren Lebenspartner oder Ehemann beharkt, der Ehemann brummt dazu und lacht ("Haha, ach die Frau!"). Die Vermutung steht im Raum, dass er die Anranzung genießt ("Oh fein, sie spricht mit mir! Oh fein, ich bin Gegenstand ihrer Erörterung!") oder sich auf irgendeine Weise dadurch erst so richtig spürt, was seine Empfindung verstärkt, ein Lebender zu sein, der teilnimmt am Vorgang des Lebensflusses. Betrachtet man als Außenstehender die Gepflogenheiten der Anranzung in Ruhrgebiets-Ehen, verwirklicht sich in ihr die proletarische Grundsituation, dass die strenge, geforderte, aber grundgütige muttercouragige Vielmutter ihrem Herrn Sohnemann mal so richtig die Leviten liest, weil er "Scheiße gebaut" hat, um ihn dadurch wieder auf den richtigen Weg zu führen. Das geschieht aus Liebe und wird auch so dechiffriert. Wer ins Ruhrgebiet einheiratet und um diese gelebten Traditionen nicht weiß, wird Verwunderung erleiden oder mehr. Allgemein kann man sagen, dass, wo auch immer man hinheiratet oder sich hinverbindet, auch wenn es nur mental sei, man sich mit den Dechiffrierungstraditionen der jeweiligen Region vertraut machen sollte, aus der der jeweilige Partner oder die Partnerin stammt.

Bei den Schwaben besäuern die kritikasterigen Männer ihre duldsamen Frauen mit süffisanten Kommentaren und Entgleisungen. Hier sollten die Frauen Nehmerqualitäten aufweisen. Die hier zugrunde liegende Kommunikationsstruktur ist die des Zwiegesprächs zwischen Feinmechaniker und optimierbarer Maschine, also zwischen Uhrmacher und Uhr. Am Ende kommt immer was tolles bei raus (zum Beispiel eine gute Zeit), es ist aber mühsam und erbsenzählerisch. Die Beteiligten empfinden sich als Zahnrädchen, wobei die Betonung auf Zähne liegt, die ineinander greifen (oder schaben). Das müssen die Beteiligten Uhrwerke und Ehe-/Lebenspartner aushalten, lohnt aber. Denn wie immer gilt: Optimierung schmerzt, ist aber besser. (Weil das Ergebnis einfach besser ist). Die optimale Verbindung ist also die eines optimierungsgeneigten Schwaben mit einer ruhrgebieterischen Frau. Hier trifft sich das Beste aller möglichen Welten.

Im Siegerland ist es anders, man könnte sagen: gegenteilig. Hier ranzt die Frau den Mann nicht an und der Mann nicht die Frau. Hier wird geschwiegen. Das mag auf den ersten Blick friedlicher und paargeeigneter erscheinen. Doch der Schein trügt. Wie jeder Dübel oder jede Zeitbombe weiß, hat Schweigen ja mitnichten etwas mit Frieden zu tun, sondern lediglich mit der Abwesenheit von Worten. Von einer solchen Abwesenheit kann im Rheinland keine Rede sein. Davon hat man dort noch nie gehört. Wenn hier jemand vom Schweigen spricht, wird er davon unentwegt erzählen. Das Schweigen zwischen den Kölner Paaren ist fein versteckt in den Zwischenräumen zwischen den Worten, die es aber, wenn man ehrlich ist, so gut wie gar nicht gibt, weil die Sprechspuren mehrgleisig übereinander liegen und der Zufall sehr groß sein müsste, dass einmal eine Pause einträte. Hier schwirren die Worte durch die Münder und durch die Lüfte, so dass sich der Äther bis zur Sättigung damit anreichert. Manchmal tropfen die Worte von den Wänden. Das Ableiten von Worten übernehmen hier Rundfunkstationen, Verlage, Fernsehgesellschaften und sonstige Schwadronierbetriebe. Man käme sonst gar nicht mehr durch, durch die von Silben verstopften Straßen von Köln. Große Unternehmungen wie WDR, RTL, n-tv oder Vox verdanken diesem Umstand ihre Existenz. Dies wiederum hat eine Rückwirkung auf die Menschen, die hier leben dürfen, denn alles auf dieser Welt hat eine Wechselwirkung mit dem, was das alles umgibt. Im Rheinland empfindet sich der Mensch als Sendestation. Und wie wir alle wissen, wurde der Sendeschluss schon vor langer Zeit abgeschafft.