Liebe im Alter Partnerbörse Friedhof

Auf dem Friedhof enden nicht nur viele Geschichten, manche beginnen dort auch.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Viele ältere Menschen lernen ausgerechnet dort ihre neue Liebe kennen, wo andere ihre letzte Ruhe finden. Die Geschichte von Christa und Karl.

Von Tanja Schwarzenbach

Auf einer Holzbank im Münchner Nordfriedhof sitzt ein Mann, jeden Tag mehrere Stunden lang am gleichen Platz in der Nähe des Haupteingangs. Seit vier Jahren geht das so. Bei Sonne, Regen und Schnee, bei Hitze und Eiseskälte nimmt er am Grab seiner verstorbenen Frau Platz, Rosa ist ihr Name. Wolfgang, 67, kariertes Hemd, Hosenträger, die über den runden Bauch gespannent, blaue Augen, ein bisschen trübe vielleicht, sitzt hier, weil er bei seiner Frau sein möchte. Jeden Tag macht er ein Foto von ihrem Grab. Sie war seine große Liebe. 73 Jahre, sechs Monate und einen Tag alt wurde sie. Zehn Jahre Altersunterschied lagen zwischen ihnen, sie hatten sich erst spät kennengelernt, und die Zeit zusammen war nicht allzu lang.

Wolfgang ist eine treue Seele. Er kommt aber auch hierher, um sich mit Friedhof-Bekanntschaften zu unterhalten - sie grüßen ihn, plaudern, erzählen, die Kerze sei ja schon wieder ausgegangen und die Blumen habe man wieder gießen müssen und der Sohn sei endlich wieder aus dem Urlaub zurückgekommen. Sie haben ihm, dem Wolfgang, schon längst einen Spitznamen gegeben: der Herr Bank-Direktor. Wolfgang sitzt hier aber auch, weil er abwartet: "Man weiß ja nie, was sein wird, alles ist möglich", sagt er. Wolfgang wartet ab, ob er hier nicht eines Tages jemanden trifft. Jemanden, mit dem er nicht nur kurz reden kann: vielleicht sogar eine Frau für den Rest seines Lebens.

Ein Friedhof ist nicht unbedingt nur ein Ort der Stille. An diesem Tag wird hier in einer ordentlichen Lautstärke gemäht und gekehrt (denn die letzten leuchtend gelben Herbstblätter segeln auf Wege und Gräber, knorrig und kahl werden bald die Bäume dastehen), sodass die Damen und Herren, die sich hier auch noch unterhalten möchten, ihre Stimme heben müssen, um gehört zu werden. Man trifft sich hier, irgendwo zwischen den Grabsteinen des "Königlichen Major a. D. Inhaber des Ritterkreuzes" und der "Universitäts-Professor-Witwe". Und so beginnen an diesem Ort oft auch neue Geschichten.

Kontaktaufnahme: Kleine Briefe auf dem Grab

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"Der Friedhof ist für manche eine Partnerbörse", sagt Wolfgang. Bei dem Stichwort fallen den Herren, die sich jetzt um den Bank-Direktor auf einen Plausch versammelt haben, eine Menge Paare ein, die sich zwischen den Gräbern verliebten. Zum Beispiel Christa, 77, und Karl, 86, beide schon lange verwitwet - Christas Mann starb, als sie erst 50 war, Karl hingegen hatte fast ein ganzes Leben mit seiner Frau verbracht, 52 Jahre lang waren sie verheiratet gewesen -, lernten sich vor fünf Jahren auf dem Nordfriedhof kennen.

Am Brunnen bei den grünen Gießkannen unterhielten sie sich. Christa, eine attraktive Erscheinung, gepflegt und mit strahlenden Augen, sah jung aus für ihr Alter und benahm sich auch so, denn bald schon legte sie Karl kleine Zettel mit Nachrichten ans Grab. "Brieferl", sagt Karl, wenn er bei einer Tasse Kaffee in der Konditorei am Nordfriedhof davon erzählt, wie alles begann. "Das weiß ich nicht mehr. Wirklich?", fragt Christa. "Ja, freilich! Nicht alles auf mich schieben! Wenn irgendwas war, hast du mir ab und zu kleine Brieferl geschrieben. Da stand zum Beispiel drauf, dass du um die und die Uhrzeit da warst und mich nicht angetroffen hast. So Sachen." Ja, wo sonst, sagt Christa, solle man im Alter jemanden kennenlernen, wenn man, wie sie, nicht tanzen gehen möchte oder auch gar nicht mehr kann?

Männer sind offener für neue Beziehungen - und Hilfe im Haushalt

Der Friedhof - ein sehr kommunikativer Ort? Uwe Kleinemas, Wissenschaftler für Alternsforschung an der Universität in Bonn, sieht das so, er hält ihn sogar für fast ideal, um einen neuen Partner zu finden. Weil hier Menschen aufeinandertreffen, die ähnliche Erfahrungen gemacht, ihren Partner verloren haben und sich allein fühlen. So komme man ins Gespräch: "Gelegenheit macht eben Liebe", sagt Kleinemas. Im Alter, sagt der Psychologe, suchen Männer wie Frauen Innigkeit. Tatsächlich seien Männer offener für eine neue Beziehung, vor allem weil sie nicht selten jemanden suchen, der weiß, wie man den Haushalt schmeißt. Schließlich soll es Witwer geben, die nicht wissen, wie das geht. Kleinemas erzählt, wie zum Beispiel sein Großvater einst zu ihm kam und fluchte: "Hab ich mir doch gestern, verdammt, aus Vogelfutter Kaffee gekocht!"

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Und selbst wenn manche Männer eine vorausschauende Frau hatten, wie einer der Herren um den Bank-Direktor, die ihm kurz vor ihrem Tod noch erklären konnte, wie die Waschmaschine funktioniert: Eine neue Frau scheint für viele Männer überlebensnotwendig. Frauen hingegen, die vor Jahrzehnten eine Ehe eingingen, haben oft schlechte Erfahrungen gemacht mit dominanten, fordernden, oft auch bequemen Ehemännern. Wenn der vermeintliche "Göttergatte" dann stirbt, wollen sie keinen neuen Mann mehr. Sie haben lange genug die Wäscheberge abgearbeitet.