Der Mensch hat etwa 640 Muskeln - je nach Ausdauer und Willenskraft sind sie im Laufe des Lebens unterschiedlich gut in Form. Und manchmal will der Mensch es wissen: Was halten meine Muskeln eigentlich aus? Schöner wär's ja auf dem Sofa. Aber er klemmt sich und seinen Körper tapfer und entschlossen in enge Kanus, versucht sich als Marathonläufer oder nimmt mit schwitzenden Artgenossen an Trainingsstunden teil, die so merk - würdige Namen wie "Tae Boe" oder "Aroha" tragen. Und die Sportwissenschaftler sagen auch noch: Ja, machen Sie ruhig weiter!
Nennen wir ihn Joe. Er sieht atemberaubend aus, lächelt locker und ruft uns im Befehlston "und eins, zwei, drei und noch einmal!" zu Verrenkungen auf, die jede Hauskatze vehement verweigern würde. "Ich pack's nicht", flüstert man der leidenden Nachbarin zu, geht nach 50 Minuten duschen und überweist brav seinen Monatsbeitrag. Denn wir wollen es, zumindest einmal in der Woche, wissen: Was hält so ein kleiner Menschenkörper aus?
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Auch die Joes dieser Welt, so viel steht fest, hätten - rein theoretisch - ihre Lehrmeister: die Trainingswissenschaftler am IAT Leipzig, dem Institut für angewandte Trainingswissenschaft. Die Leipziger helfen den Spitzensportlern des Landes, an die Weltspitze zu gelangen und möglichst lange dort zu bleiben. Für Laien mit recht abenteuerlichen Methoden. "Die Skispringer zum Beispiel hängen wir in einer Leipziger Flugzeugwerft in ein Spezialgeschirr und testen mit ihnen die Luftströmungsverhältnisse", schildert der amtierende Direktor, Trainingswissenschaftler Klaus Rost. Beinahe harmlos scheint im Vergleich das Training deutscher Spitzen-Kanuten: In einem ehemaligen Tagebaurestloch im sächsischen Markkleeberg gibt es eine 270 Meter lange Wettkampfstrecke und sogar Amateure dürfen in der Nähe paddeln. "Wildwasserkajakfahren ist der individuelle Spaß, um dem Alltag zu entfliehen", frohlocken die die Betreiber des weltweit größten Kanuparks auf ihrer Internetseite. Doch Deutschlands Kanusport-Elite wird dort künftig zum Rapport vor ihre Videoaufzeichnungen gerufen.
Das Bundesinnenministerium finanziert das "Institut für angewandte Trainingswissenschaft" (IAT) in Leipzig mit 5,5 Millionen Euro im Jahr. Nirgendwo sonst in Deutschland widmet man sich mit mehr Akribie der Frage, was ein Menschenkörper aushält - und wie man das Beste aus ihm herausholt. Gerade wurde in Leipzig der Spatenstich für den Neubau eines Strömungskanals für die Forschungsarbeit im Schwimmsport gemacht. Dort werden künftig Unterwasser-Technikanalysen vorgenommen. Alles kann zudem gemessen werden, von der Herzfrequenz bis zur Zusammensetzung des Atemgases.
Bleibt die Frage, was der Hobbysportler davon hat: Wir schauen uns ein paar Tricks, zum Beispiel beim Laufen oder für den nächsten Paddel-Ausflug, ab. Außerdem beflügeln die Rekorde auch den Freizeitsportler. Manchen gar zu einer Verrücktheit, die ihn und seine Muskeln ins Guinness Book of Records bringt. Das ist die zuverlässigste Adresse für Menschen, denen das Training für den Zehnkampf zu aufwändig ist, die aber trotzdem die lieben Nachbarn einmal im Leben so richtig neidisch machen möchten. Der US-Amerikaner Daniel Browning Smith zum Beispiel kann seinen Rumpf um 180 Grad drehen und sowohl Arme als auch Beine auskugeln. Das ermöglicht es ihm, seinen Körper in 15 Sekunden durch einen Tennisschläger zu zwängen (25,5 Zentimeter an der engsten Stelle). Auch schön: Der Australier Arulanantham Suresh Joachim balancierte im Uihara-Maha-Devi-Freiluftstadium die Rekordzeit von 76 Stunden 40 Minuten auf einem Fuß.
Fraglich nur, ob der Körper bei so viel ungewöhnlicher Bewegung nicht eines Tages beleidigt reagiert. Freut sich da der Orthopäde? "Machen Sie ruhig weiter. Statistisch betrachtet, ist der Wert der Gesundheitserhaltung bei sportlicher Betätigung höher als die Schäden, die durch Sport entstehen", sagt Prof. Veit Senner. Er ist Leiter des Fachgebietes für Sportgeräte und Materialien an der Technischen Universität München. Rund 40 Studien unternehmen er und seine 17 Mitarbeiter im Jahr. Sie testen zum Beispiel mit Titan behandelte T-Shirts und versuchen herauszufinden, ob diese die sportliche Ausdauer und Leistungsfähigkeit des Trägers erhöhen (Ergebnis: Ja, ein wenig, wenn man daran glaubt).
Und wenn Sie demnächst in einem Münchner Park merkwürdig anmutende Menschen antreffen, die mit einem künstlichen Unterschenkelmodell hantieren: Professor Senners Mitarbeiter prüfen Fußballschuhe. Denn es gab in den vergangenen Jahren sowohl bei Hobby- als auch bei Profisportlern verdächtig viele Kreuzbandverletzungen ohne gegnerische Einwirkung. Da fragen sich Wissenschaftler, ob es vielleicht an der falschen Anordnung der Stollen liegen könnte. Denn sowas hält das stärkste Kreuzband nicht aus.
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