In Reih und Glied: Wohnen im Reihenhaus ist wieder in. Wer darin wohnt, ist nicht arm und nicht reich. Sondern in der Mitte der Gesellschaft - und bestenfalls auch mitten in der Stadt.
Weil es für alles und jedes auf der Welt ein Ranking gibt, existiert auch eines für Wohnformen. Ganz unten, als Schlusslicht der Wohnst-du-noch-oder-lebst-du-schon-Tabelle, befindet sich die Mietskaserne. Also das mehrgeschossige Wohnhaus, in dessen Treppenhaus es nach Kohl riecht. So das Klischee. Aber da Rankinglisten nur aus Klischees bestehen, halten wir uns jetzt mal dran und lassen das 400-Quadratmeter-Loft für die Beckenbauers dieser Welt, das sich auch in mehrgeschossigen Wohnhäusern befinden kann, außen vor.
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(© Foto: Deutsche Reihenhaus AG)
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Nach dem Schlusslicht Mietskaserne kommt jedenfalls der Altbau (AB), dann das Reihenmittelhaus (RMH), das Reihenendhaus (REH), die Doppelhaushälfte (DHH) und endlich, endlich der Gipfel des deutschen Wohnglücks: das Eigenheim schlechthin, also das freistehende Einfamilienhaus (EFH). Mit Grün zum "Drumherumgehen".
Wer die Immobilienanzeigen studiert und die Preise für all die EFHs und DHHs und RMHs vergleicht, der weiß, dass das Reihenhaus so etwas wie die Mitte der Gesellschaft verkörpert. Nicht reich, nicht arm. Also Alltagskultur pur. Und wenn man nun an die Schicksale von Opel und Karstadt denkt und an die bröckelnde Mittelklasse, dann könnte man befürchten, dass auch das gute deutsche Reihenhaus, das noch in den siebziger Jahren die deutsche Lebensform schlechthin darstellte, vom Aussterben bedroht ist.
Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Das Reihenhaus lebt - und zwar gar nicht mal schlecht. Denn im Zuge des um sich greifenden Phänomens "Renaissance der Stadt" erlebt auch das Reihenhaus, das seiner Natur nach sparsam mit dem teuren städtischen Boden umgeht, eine Wiedergeburt. Und mehr als das: Als dezent neudeutsches Townhouse oder gar als "Stadtvilla" (Oh ihr Poeten der Immobilenbranche!) boomt das Reihenhaus: Es zeugt inzwischen sogar von einem lässigen Lebensstil.
Unfassbar: Das Reihenhaus, diese Ikone der schmalen Spießigkeit inklusive Handtuchgarten wird cool. Und zwar zu Recht. Denn im Reihenhaus schlummern architektonische und stadträumliche Möglichkeiten, das Leben in der Stadt wiederzuentdecken. Das ist vor allem für Familien interessant. Die nämlich sind noch immer - in Ermangelung eines geeigneten Wohnraums - nahezu ausgeschlossen vom Zug zurück in die Stadt, den die kaufkräftigen Singles und Best-Ager schon längst angetreten haben. Es wird also Zeit, dass die Immobilienfirmen alle Möglichkeiten des Reihenhauses ausloten.
Buntes Leben in Reih und Glied
Daher kommt der Bildband "In deutschen Reihenhäusern" (Verlag Callwey, München, 244 Seiten, 39,90 Euro, herausgegeben von der Deutschen Reihenhaus AG) gerade recht. Darin sind unter anderem die Fotografien von Albrecht Fuchs zu sehen, der die Bewohner von 50 deutschen Reihenhäusern porträtiert hat. Parallel dazu führte die Journalistin Inken Herzig Interviews mit den Reihenhäuslern. Allein dadurch wird klar, dass ein zur Uniformität neigender Bautypus nicht zwangsläufig ein Leben in Reih und Glied hervorbringt. Allerdings wird einem bei Betrachtung der Fotos, die mitunter ideenlose Grundrisse ahnen lassen, auch deutlich, dass Reihenhäuser nur selten auch Architektur bieten.
Die Interpretationen des Fotografen Marc Räder, der Reihenhaus-Ensembles so inszeniert, als handle es sich um Modell-Eisenbahn-Landschaften, sind daher zutreffend: Sie sehen aus wie ein Klischee, wie ein missverstandener Schöner-Wohnen-Traum - dabei sind sie reine Realität. Aber dennoch: Die heile Welt, die lange mit dem Reihenhaus in Verbindung gebracht wurde, mag zwar in architektonischer Hinsicht erst noch zu entdecken sein; in urbaner, städtischer Hinsicht ist das Reihenhaus dagegen jetzt schon ein Versprechen auf Zukunft.
Die Ausstellung "In deutschen Reihenhäusern" ist in München im "Haus der Gegenwart" bis 2. November zu sehen (Georg-Kerschensteiner-Straße 55). Der Eintritt, Freitag bis Sonntag, 12 bis 19 Uhr, ist frei.
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(SZ vom 08.10.2008/bre)